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Landwirt Frank Bowinkel setzt sich gegen das Insektensterben ein. Er legt nicht nur selbst Blühstreifen an seinen Ackerrändern an, sondern ermöglicht es auch Bürgern, sich zu beteiligen.

Kamen

, 27.02.2019 / Lesedauer: 5 min

Landwirt Frank Bowinkel ist Herr über 170 Hektar Grün- und Ackerland. Das sind 1,7 Millionen Quadratmeter Land. Gerade kniet der 36-jährige Bauer, sportliche Figur und mit jugendlichem Charme, aber lediglich über einem Quadratmeter Ackerfläche, auf der Gras wächst. Dort blühen gerade Schneeglöckchen, und eine durch die Kälte noch etwas träge Biene sammelt dort mühsam den ersten Nektar.

In einigen Monaten soll an der Stelle eine blühende und für Insekten nahrhafte Landschaft erstrahlen. Nicht nur auf diesem Quadratmeter, sondern auf einigen tausend. Bowinkel beteiligt sich an dem sogenannten „Einfach-so-Blühstreifen“-Programm, damit Bienen, Schmetterlinge, Hummeln und anderlei Insekten mehr Nahrung finden. Sein Ziel: Mehr als drei Kilometer Ackerrand in ein Blütenmeer zu verwandeln. Die Hälfte stemmt er selbst. Bei der anderen Hälfte zählt er auf die Hilfe jener umweltbewussten Kamener, die eine Patenschaft für wenige oder mehrere Meter übernehmen wollen. Das Interesse ist schon groß. „Eigentlich sollten es nur zwei Kilometer werden. Jetzt habe ich schon Rückmeldungen für 2,4 Kilometer“, freut er sich.

Ein Blütenmeer für jedermann

Eine Biene krabbelt über Bowinkels Finger. Die Insekten sollen künftig mehr Nahrung finden, wenn Landwirte kilometerlange Blühstreifen anlegen. © Marcel Drawe

Der Meter für 60 Cent

Jeder gesäte fortlaufende Meter, drei Meter breit, ist für 60 Cent zu haben. Das Geld fließt nicht in die Tasche des jungen Landwirts. „Der Beitrag ersetzt nur die Kosten für die Aussaat und Wiederbeschaffung der entgangenen Erntemenge“, erläutert er. Das Saatgut wird durch die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft zur Verfügung gestellt. Im vergangenen Jahr, als die Aktion erstmals im Verbandsgebiet aufgelegt wurde, entstanden so 150 Kilometer Blühstreifen. In diesem Jahr könnten es über 200 Kilometer werden. Viele weitere Landwirte aus dem Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband beteiligen sich an der Aktion. „Eine Tonne Saatgut ist schon bestellt“, sagt Geschäftsführer Heinz-Wilhelm Büscher.

Ein Blütenmeer für jedermann

Eine violett erstrahlende Wiese mit zahllosen Krokussen. Frank Bowinkel lebt naturnah. © Marcel Drawe

Positive Rückmeldungen von Passanten

Bowinkel will seinen Beitrag dazu leisten. Aus Verantwortung gegenüber der Natur, wie er sagt.

„Wir sind stark in die Diskussion gekommen“, erinnert er an die Debatte über zu viele landwirtschaftliche Monokulturen, die das Bienensterben beschleunigen. „Nun wollen wir etwas tun, und wir haben die Möglichkeiten dazu.“ Die Blühstreifen sollen direkt an der Derner Straße, gegenüber dem Hof der Familie, und auch in Lerche entstehen. Bereits im vorigen Jahr waren die Rückmeldungen zu gut. „Sowohl Spaziergänger als auch Radfahrer sprachen uns an, weil sie das gut fanden.“

Ein Blütenmeer für jedermann

Die Frühblüher bieten die erste Bienenweide. Die Völker benötigen im Jahresverlauf aber deutlich mehr Nahrungsgrundlagen. Blühstreifen sollen die schwierige Situation verbessern. © Marcel Drawe

Aussaat ab Ende April

Bowinkel, drittältestes Kind der Bauernfamilie, hat 2006 den Hof nach Ausbildung zum Landwirt und Agrarwirtschaftsstudium in Soest übernommen, weil seine Geschwister daran kein Interesse hatten. Mit seiner Frau und zwei Kindern (ein drittes ist unterwegs), dazu den Eltern, lebt er in dem großen Haus an der Derner Straße, das im Jahr 1892 erbaut wurde. „Damals nicht als Bauernhaus, sondern als Sommerresidenz“, so Bowinkel. Später sind Stallungen dazu gekommen, in denen jetzt Schweine, Bullen und Kühe stehen – das Fleisch der cremeweißen Charolais-Kühe ist auf dem Markt gefragt. Auf den Dächern der Gebäude liegen zudem große Solaranlagen, sie dienen auch dem Eigenverbrauch, beispielsweise für die Lüftungsanlagen der Ställe. Auch das ein Zeichen, dass der Landwirt ökologisch denkt – ein Zeichen auch die Wiese neben dem Haus, auf dem zahllose Krokusse blühen.

Der Einfach-so-Blühstreifen

Jeder kann mitmachen

  • Wer die Patenschaft für einige Meter Blühstreifen übernehmen will, melde sich bei Landwirt Frank Bowinkel unter Tel. (0172) 9327677. Er nimmt Bestellungen unter der Nummer auch über SMS und unter WhatsApp oder dem Facebook-Messenger an.
  • Der laufende Meter kostet 60 Cent.
  • Ermöglicht wird die Aktion durch die Stiftung Westfälische Kulturlandschaft, die im November 2005 vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer NRW gegründet wurde.
  • Ziel ist, so heißt es, „die nachhaltige Nutzungsfähigkeit, Vielfalt, Eigenart und Schönheit der Landschaften in Westfalen-Lippe als Lebensraum für die charakteristische Zier- und Pflanzenwelt zu erhalten“.

Bis es ist soweit ist, dass an den Feldrändern zusätzliche Blütenkilometer entstehen, dauert es noch ein wenig. Aber der Landwirt muss jetzt – bis Ende der Woche – das Saatgut bestellen. Ende April, so prognostiziert er, wird die Saatmischung ausgesät, dann, wenn der erste Mais gelegt wird. Und dann dürfte der Insektenwelt etwas blühen – und den Kamenern auch.

Ein Blütenmeer für jedermann

Blühende Streifen mitten in der Stadt. Das Bewusstsein, dass mehr getan werden muss, um die Natur zu erhalten, hat zugenommen. Auch die Stadt Kamen wandelt jedes Jahr Flächen in blühende Wiesen um. © Stefan Milk

Ringelblume und Koriander

Buchweizen, Sommerwicke, Koriander, Ringelblume, Fenchel, Dill und Rotklee. Das sind einige der Kräuter und Wildblumen, die in der Saatmischung zu finden sind. „150 Kilometer Blühstreifen hatten wir voriges Jahr. Jetzt können es über 200 Kilometer werden“, so Heinz-Wilhelm Büscher, Geschäftsführer des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes. Die Aktion könne jetzt forciert werden, weil Förderrichtlinien der Europäischen Union vereinfacht wurden. „Früher musste die Fläche genau ausgemessen werden, was nahezu unmöglich war“, so Büscher. Das sei nun viel einfacher und unbürokatischer: Mit einer Tonne Saatgut könnte man schon einige hundert Kilometer Blühstreifen anlegen. „Wir benötigen etwa 20 Kilogramm pro Hektar, weil es sich um leichtes Saatgut handelt.“ Zum Vergleich: Korn wie Weizen oder Gerste ist deutlich schwerer. Außerdem könne der Verband auch jederzeit Saatgut nachbestellen, wenn noch etwas benötigt wird. „Wir hoffen also, dass es in diesem Jahr etwas mehr wird!“

Ein Blütenmeer für jedermann

Heinz-Dieter Kortenbruck (r.) hat voriges Jahr einen Streifen seines Ackers als Bienenweide zur Verfügung gestellt. Das Saatgut brachte Heinz-Wilhelm Hilboll (2.v.r.) aus. © Borys Sarad

Blütenreiche Aktionen in den Nachbarstädten:

Unna: Bernhard Albers, Landwirt aus Billmerich, legte voriges Jahr Blühstreifen entlang seines Feldes an der Kluse an. Seit fast zehn Jahren legt er diese Streifen an, auf denen Wildblumen und wilde Kräuter wachsen. „Die Landwirtschaft heute ist viel zu sauber. Für die Insekten fehlt mehr und mehr die Nahrungsgrundlage“, sagte er.

Bergkamen: Landwirt Heinz-Dieter Kortenbruck, Landwirt aus Heil, ist einer der Bergkamener Landwirte, die voriges Jahr ein Stück ihrer Äcker als Futterwiese für Bienen zur Verfügung stellten. Jeweils auf 2,50 Meter Länge brachte er auf zwei Seiten eines Maisfeldes direkt neben dem Hof Kortenbruck die Bienenfutter-Mischung aus. Zu den Pflanzen, die er säte, gehörten zum Beispiel Waldstaudenroggen, Leinsamen, Sommerwicke, Süßlupine, Sonnenblume, Wiesenklee oder der Große Vogelfuß. Allein bei dem Heiler Landwirt kamen rund 400 Meter Blühstreifen zusammen. In Bergkamen wurden es insgesamt gut zehn Kilometer.

Fröndenberg: Die erste Wildblumenwiese auf städtischen Grund entsteht in diesem Jahr auf dem Wiesengrundstück auf der Hohenheide – Einmündung In den Wächelten. Die Fläche, die bislang zweimal im Jahr gemäht wurde, soll künftig eine für Insekten und Brutvögel wichtige Fläche mit Blühpflanzen und Nistgehölzen werden.

Holzwickede: Die Holzwickeder Landwirte haben voriges Jahr 2,3 Hektar mit Blühpflanzen angelegt, davon entfielen 1,4 Hektar auf den Landwirtschaftsbetrieb von Maik Middelschulte. „Es ist nicht so, dass wir uns als Landwirte nicht bewegen wollen. Wir machen das freiwillig, zahlen das Saatgut selbst und bekommen dafür auch keine Förderung“, sagte Middelschulte.

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