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Ein Produkt, das weltweit nur in Holzwickede hergestellt wird. Das gibt es tatsächlich. Es erfreut vor allem Hundebesitzer und wird in Handarbeit in der Sattlerei Heubel gefertigt. Noch.

Holzwickede

, 25.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Hundebesitzer kennen das Problem: Krallen, Haare und Dreck verunstalten beim Transport der Vierbeiner im Auto das Innenleben des fahrbaren Untersatzes. Keine guten Voraussetzungen, möchte man den Wagen später mal verkaufen. Auch bei geleasten Fahrzeugen sind die Vertragspartner bei Tieren im Auto selten begeistert. Meist helfen eingelegte Planen oder Transportboxen. Das wiederum schränkt mitunter die Funktionen eines Autos ein, ist nicht immer die optimale Lösung.

Schon vor einigen Jahren hat man sich in der Sattlerei Heubel eigene Gedanken gemacht und eine Lösung im Mikrofaserstoff Alcantara gefunden. Alcantara? Ist das nicht ein Luxus-Leder für teure Sportwagen? „Alcantara-Leder gibt es nicht. Der Begriff hat sich durch die Wildleder-Optik etabliert. Der Stoff basiert aber auf Polyester und Polyurethan“, stellt Sattlermeister Markus Heubel klar. Noch am alten Standort des Unternehmens an der Natorper Straße experimentierte man mit dem Material. Mittlerweile ist daraus ein patentierter Innenraumschutz unter dem Markennamen Cargocover für Koffer- und Fußräume sowie Autorückbänke entstanden.

Patentiertes Produkt aus Holzwickede

Der wird mittlerweile am neuen Standort an der Wickeder Straße in rund 200 Varianten in Handarbeit hergestellt und ist weltweit so nur von den Holzwickedern zu bekommen. Der Mikrofaserstoff habe den Vorteil, dass er leicht zu reinigen und widerstandsfähig sei. „Wir haben mittlerweile Kunden, die nach einem Fahrzeugwechsel sofort zu uns kommen, um den Innenraum auszukleiden“, sagt Markus Heubel. Die Einlagen werden dabei nicht fest im Wagen montiert, können wieder entfernt werden und sollen trotzdem die Funktionen im Auto nicht beeinträchtigen. „Lampen, Klappen, Gurte – alles bleibt funktionsfähig“, sagt Henning Heubel. Will man damit beispielsweise den Kofferraum eines Kombi auskleiden, wird eine mittlere dreistellige Summe fällig.

Seltenes Handwerk

Fünf Sattler verzeichnet die Kreishandwerkerschaft

Früher stellten sie Pferdegeschirre her, heute ist das Handwerk des Sattlers vielfältiger geworden – und selten. Fünf Betriebe führt die Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe. Neben Heubel gibt es in Fröndenberg in Sattlermeisterin Sabine Döhl eine Spezialistin für Reit- und Fahrsport. Unter die Sattler und Feintäschner fällt ebenfalls aus Fröndenberg Ulmke Planen. In Hamm und Lippstadt ansässig sind die Autosattlereien Zirkwitz und Berlik.

Nachdem Großvater Heinz Heubel sich mit einer Autosattlerei 1963 in Dortmund selbstständig gemacht hat, ist im 22-Jährigen Enkel seit Jahresbeginn die dritte Generation im Familienunternehmen angekommen. „Ich bin ja schon als Junge im Betrieb handwerklich großgeworden“, sagt Henning Heubel. Da der wirtschaftliche Zweig der Heubel GmbH im Laufe der Jahre immer wichtiger wurde, hat er sich nach dem Abitur für ein BWL-Studium an der FH Dortmund entschieden. Das ist nun beendet und Heubel Junior bekommt zum Start ins Berufsleben direkt Verantwortung übertragen und soll künftig die Eigenmarke verantworten. Was aktuell noch in Handarbeit gefertigt wird, soll möglichst in Serie gehen.

Wenn traditionelles Handwerk zur einmaligen Eigenmarke führt

Seit gut einem Jahr befindet sich der Firmensitz an der Wickeder Straße nahe des Flughafens. © Neumann

Neben den klassischen Sattler- und Polster-Arbeiten sowie dem weltweiten Vertrieb von Materialien ist der eigens entwickelte Innenraumschutz aber noch ein vergleichsweise kleiner Geschäftsbereich – und das ist gewollt. „Das Schlimmste wäre, etwas zu versprechen und dann nicht liefern zu können“, verweist Markus Heubel auf die aufwendige und zeitintensive Handarbeit. Mittelfristig soll die Produktion automatisiert über CNC-Maschinen laufen, auch können sich die beiden vorstellen, sich mit ihrem Produkt direkt an Autohersteller zu wenden.

„Bei über 8 Millionen Hundebesitzern nur in Deutschland sehen wir definitiv einen Markt“, sagt Firmenchef Heubel. Klein starten und gesund wachsen, lautet dabei die Devise. „Ich will auch, dass mein Sohn das übernimmt, weil wir hier anders denken müssen. Eher wie ein Start-Up“, sagt der 56-jährige Markus Heubel. Zudem sei er mit Sattlerei und Vertrieb gut ausgelastet. Und auch wenn er im Gespräch anbietet, kurz das Büro zu verlassen, versichert der Sohn auch im Beisein des Vaters: „Wir ergänzen uns gut. Ich sehe mich als Unterstützer für meinen Vater, damit wir in größeren Dimensionen denken können.“ Von Null auf Hundert müsse er seinen Geschäftsbereich sowieso nicht verantworten: „Ich versuche, da langsam reinzuwachsen.“

Automobile Schätzchen in der Werkstatt

Auch wenn die Sattlerei Heubel mit 18 Mitarbeitern, davon sechs Auszubildende, innerhalb der Branche als großer Betrieb gelten darf: Ein Blick in die Werkstatt im Erdgeschoss des Firmensitzes reicht, um zu sehen, dass hier noch echtes Handwerk geboten wird. Ein halbes Dutzend Autos stehen in der Regel hier laut Werkstattleiter Robert Bedenk und warten auf ein neues Innenleben.

Wenn traditionelles Handwerk zur einmaligen Eigenmarke führt

Oldtimer wie dieser Mercedes 190 SL stehen regelmäßig in der Werkstatt der Sattlerei und werden hier aufgehübscht. © Neumann

Wenn beispielsweise ein Mercedes-Benz 190 SL aus den 1960er-Jahren neue Sitzbezüge bekommen soll, dann kommt nicht nur originalgetreues Material zum Einsatz, auch die handwerklichen Schritte entsprechen denen der damaligen Zeit. „Die Kosten liegen dann schon mal im mittleren vierstelligen Bereich“, sagt Bedenk.

Wenn traditionelles Handwerk zur einmaligen Eigenmarke führt

Stefan Tillner bearbeitet eine Sitzbank für ein Motorrad. © Neumann

Aber auch wer einen Riss im Autositz hat, kann sich an die Sattlerei wenden. „Das ist mir ganz wichtig, dass wir auch für die kleinen Aufträge aufnahmebereit sind“, sagt Firmenchef Markus Heubel. Beleg dafür ist Stefan Tillner, der eine Sitzbank für ein Motorrad abpolstert. „Die war der Fahrerin zu hoch. Also passen wir die Sitzbank eben an“, sagt Tillner. Keine große Sache und eben noch echte Handarbeit.

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