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Wie groß kann Vertrauen sein? Friedhelm Klemp setzt auf ein Höchstmaß: Der Holzwickeder hofft, dass ein Unternehmen einen Arbeitsvertrag nach Serbien schickt. Der soll einem alten Bekannten der Gemeinde die Einreise ermöglichen.

Holzwickede

, 08.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Auch Friedhelm Klemp konnte im vergangenen Jahr nicht verhindern, dass Selman Pelivanovic und seine Familie zurück in die Diaspora der Sinti und Roma nach Serbien ausreisten. Freiwillig zwar, aber es drohte einige Monate später die zwangsweise vollstreckbare Abschiebung.

Die freiwillige Ausreise vor zehn Monaten bietet nun eine Chance

Diese freiwillige Ausreise ist nun aber eine Chance zur legalen Wiedereinreise des rumänischstämmigen Familienvaters nach Deutschland. Doch ohne Hilfe aus Holzwickede, sagt Friedhelm Klemp, wird daraus nichts.

Visum für Vertrauensvorschuss: Wer schickt einen Arbeitsvertrag nach Serbien?

In der Fahrradwerkstatt für Flüchtlinge brachte Selma Pelivanovic mit anderen Asylbewerbern Fahrräder wieder auf Vordermann. © Udo Hennes

Die Geschichte des heute 32-jährigen Selman Pelivanovic hat in Holzwickede viele Menschen bewegt. Dreieinhalb Jahre lebte er mit seiner Frau Dusanka und den vier Kindern Vanja, Lubica, Boce und Elmedin in der Gemeinde. „Voll integriert“, sagt Friedhelm Klemp, der sich in der Initiative „Willkommen in Holzwickede“ für Flüchtlinge und Asylbewerber engagiert.

«Wenn es nicht läuft, dann läuft es eben nicht.»
Friedhelm Klemp über das geringe Risiko eines Probearbeitsverhältnisses.

Auch die Roma-Familie Pelivanovic, die in Deutschland um Asyl ersuchte, weil sie sich in Serbien als Minderheit Repressalien ausgesetzt sieht, betreute Klemp als Flüchtlingspate. Selman Pelivanovic leitete drei Jahre lang die Fahrradwerkstatt der Initiative, war in den Flüchtlingsunterkünften Ansprechpartner für die Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung.

Kinder sollten nicht die Prozedur einer Abschiebung mitmachen

Den Familienvater hat Friedhelm Klemp in den Jahren sehr gut kennengelernt. „Er ist sehr zuverlässig“, sagt der Ratsherr von Bündnis ´90/Die Grünen im Holzwickeder Gemeinderat.

Visum für Vertrauensvorschuss: Wer schickt einen Arbeitsvertrag nach Serbien?

Die Abschiebung der Roma-Familie Pelivanovic hatte die zuständige Ausländerbehörde beim Kreis Unna im Mai 2017 vorerst ausgesetzt. Vater Selman (er fehlt auf dem Foto) kümmerte sich um die Fahrradwerkstatt. Im Juli 2018 kam die Familie dann der drohenden Abschiebung zuvor, nachdem ihr Asylantrag abgelehnt worden war. Das Foto zeigt (v.l.) Vanja, Lubica, Boce, Elmedin und Mutter Dusanka Pelivanovic mit Friedhelm Klemp. © Yvonne Schütze-Fürst

Im vergangenen Sommer näherte sich das parallel laufende Asylverfahren der Familie Pelivanovic seinem Ende. Ergebnis: Der Asylantrag wurde abgelehnt. Die Ausländerbehörde teilte mit, dass ein Widerspruch keine aufschiebende Wirkung haben würde. Sollte er zudem negativ beschieden werden, drohe die sofortige Abschiebung nach Serbien. Die Familie beschloss, der Abschiebung zuvorzukommen und freiwillig auszureisen. Was sie im Juli 2018 auch tat. „Die Eltern wollten ihre Kinder nicht der Prozedur einer Abschiebung aussetzen“, erinnert sich Friedhelm Klemp.

Voll integriert in Nordschule und Kindergarten Nord-Licht

Die Kinder sind heute zehn, sieben, fünf und vier Jahre alt. In Holzwickede sind sie zur Nordschule und in den Kindergarten Nordlicht gegangen, sprechen fließend deutsch.

Visum für Vertrauensvorschuss: Wer schickt einen Arbeitsvertrag nach Serbien?

Die Umstände, unter denen die Familie Pelivanovic in Serbien lebt, beschreibt sie selbst als deprimierend. Ein Foto vom Zuhause in Serbien hat Vater Selman mit seinem Smartphone gemacht. © Privat

Die Gesetzeslage gibt es nun her, dass Selman Pelivanovic – nach dem Ablauf von mittlerweile zehn Monaten – wieder nach Deutschland einreisen darf. Das möchte er unbedingt. Nicht allein deswegen, weil seine Kinder dreieinhalb Jahre in Deutschland sozialisiert wurden. In Serbien sehen er und seine Frau sich als Minderheit Diskriminierungen der Regierung ausgesetzt. Ausschließlich die Kinder erhielten staatliche Hilfe, erwachsene Sinti und Roma dagegen nicht, erläutert Friedhelm Klemp.

Wer einreisen will, muss einen Arbeitsvertrag vorweisen können

An dieser Stelle stellt sich eine Hürde auf. Friedhelm Klemp ist inzwischen ein Kenner des Asyl- und Ausländerrechts: Selman Pelivanovic dürfte einreisen, wenn er eine feste Adresse in Deutschland nachweisen kann. Hierfür würde Klemp bürgen. Pro Aufenthaltstag müsste er zudem 50 Euro als Sicherheit hinterlegen. Und: Der 32-Jährige wäre zunächst nicht kranken- und unfallversichert. „Das ist das große Problem“, sagt Friedhelm Klemp.

Visum für Vertrauensvorschuss: Wer schickt einen Arbeitsvertrag nach Serbien?

Kristina Plaeßmann unterstützte im Februar 2015 nach Vermittlung von Friedhelm Klemp die Flüchtlingsfamilie Pelivanovic mit Kinderwagen und Co. © Tatenhorst, Stephanie

Jetzt kommen die Holzwickeder ins Spiel. In erster Linie Firmen und Selbstständige. Denn kann Selman Pelivanovic einen Arbeitsvertrag vorweisen, erübrigen sich für ihn grundsätzlich alle weiteren Nachweise, um nach Deutschland einreisen zu dürfen. Friedhelm Klemp möchte, dass die Familie Pelivanovic eine Zukunft in Holzwickede hat und wirbt um Unterstützung: Ob sich ein Unternehmen aus der Gemeinde vorstellen könne, Selman Pelivanovic einen unterschriebenen Arbeitsvertrag nach Serbien zu schicken?

«Wir bieten den Menschen hier in Holzwickede eine Chance.»
Friedhelm Klemp, der auf die Solidarität seiner Mitbürger setzt.

Eine Blankovollmacht – die Reißleine kann jederzeit gezogen werden

Es ist eine Art Blankovollmacht, aber in den Augen von Friedhelm Klemp kann jederzeit die Reißleine gezogen werden. „Selbstverständlich verstehe ich Firmen, die nur Leute einstellen, die sie kennen“, räumt er ein. Aber der Arbeitsvertrag könne ja eine Probezeit vorsehen. „Wenn es nicht läuft, dann läuft es eben nicht.“ Klemp macht sich stark für Pelivanovic und bleibt ehrlich. Er spreche gut deutsch, das Lesen und Schreiben falle ihm noch schwer, Rechnen sei okay.

Visum für Vertrauensvorschuss: Wer schickt einen Arbeitsvertrag nach Serbien?

Friedhelm Klemp (l.), hier neben Hans-Ulrich Bangert, setzt sich seit mehr als vier Jahren für die Flüchtlingsfamilie Pelivanovic ein. © Greis

Friedhelm Klemp ist bewusst, dass er da einen großen Wunsch geäußert hat, und er weiß nicht, ob er erfüllt werden wird. Appellieren kann er lediglich an Großmut und Solidarität der Holzwickeder und stellt womöglich „ein schönes Renomee“ in Aussicht, das die Gemeinde erwerben könne für einen zumindest im Kreis Unna noch nicht bekannten Fall von Vertrauensvorschuss. Oder wie es Friedhelm Klemp ausdrückt: „Wir bieten den Menschen hier in Holzwickede eine Chance.“

Kontaktdaten

Ansprechpartner für Firmen ist Friedhelm Klemp

  • Wer eine Arbeitsgelegenheit für Selman Pelivanovic hat und ihm ein Angebot für ein Probearbeitsverhältnis machen will, sollte sich mit Friedhelm Klemp in Verbindung setzen.
  • Der Akteur der Flüchtlingshilfe „Willkommen in Holzwickede“ ist telefonisch erreichbar unter Tel. (0 23 01) 43 28 oder Tel. (01 72) 9 71 42 31

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