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Abitur und dann? Möglichkeiten haben junge Menschen heutzutage viele, die Sehnsucht nach einem sicheren Job führt auch Abiturienten in Ausbildungen. Zeit zum Studieren bleibt danach noch immer.

Holzwickede

, 13.03.2019 / Lesedauer: 4 min

15 Aussteller präsentieren sich am Mittwoch erstmals im Forum des Schulzentrums den Schülern der CSG-Oberstufe auf einer schuleigenen Berufsmesse. Unter den Ausstellern waren überwiegend Ausbildungsbetriebe – in Sonepar, Montanhydraulik, Koda, Uniq und der Gemeindeverwaltung haben fünf davon ihren Sitz direkt in Holzwickede. Eine Ausbildung nach der Schulzeit: Das können sich angehende Abiturienten vorstellen.

Zum neuen Schuljahr kehrt das Clara-Schumann-Gymnasium zurück zu G9. Das heißt: Wieder 13 statt zwölf Schuljahre für Gymnasiasten, die zum neuen Schuljahr in die 5. Klasse kommen. Wer aktuell das CSG besucht, der macht noch das „Turbo-Abi“ und geht mitunter vor der Volljährigkeit vom Gymnasium ab. „Ich wurde mit vier Jahren eingeschult. Wenn ich nächstes Jahr Abi mache, bin ich 16“, sagt der Holzwickeder Eric Syre. In Beratungsgesprächen zur Berufsorientierung habe man ihm bislang auch aufgrund seines Alters empfohlen, zunächst eine Ausbildung zu machen.

Schüler haben die Digitalisierung der Arbeitswelt im Blick

„Ich will BWL studieren, aber das kann ich auch später noch“, sagt Syre. Am Mittwochmorgen erkundigt er sich zunächst am Stand der Gemeinde, welche Ausbildungen innerhalb der Verwaltung möglich sind. „Da muss man doch Politik können?“, zeigt sich eine Schülerin am Stand skeptisch. „Das wird gerne in einen Topf geworfen, ist aber nicht so“, versichert Holzwickedes Erster Beigeordneter Bernd Kasischke. Er wirbt mit den Vorzügen der Gemeinde als Arbeitgeber: 968 Euro im ersten Ausbildungsjahr, flexible Arbeitszeiten und ein lokaler Arbeitsplatz. Neben Verwaltungsfachangestellten bildet die Gemeinde beispielsweise auch Gärtner oder IT-Fachinformatiker aus.

Landschaftsbauer – ein Beruf, den sich Zehntklässler Lennart Cramer auch mit Abitur vorstellen kann. „Ich überlege, ob ich Lehrer werde. Aber ich kann mir eben auch etwas Handwerkliches vorstellen“, sagt er. Die Digitalisierung der Arbeitswelt, automatisierte Prozesse über Roboter – das hat er bereits im Blick. Ein Berufsfeld mit Perspektive ist dem jungen Mann wichtig: „Wenn ich meinen Beruf gefunden habe, wäre es für mich schwer vorstellbar, noch mal was anderes machen zu müssen.“

Studien- und Berufsorientierung

Erste Orientierung ab der 8. Klasse

Die Studien- und Berufsorientierung beginnt am CSG in der Mittelstufe ab den 8. Klassen mit Besuchen im Berufsbildungszentrum in Hamm, Potenzialanalysen und Praktika. In der Oberstufe ab Klasse 10 folgen dann Besuche auf Berufsmessen, Hochschultage, Workshops, Beratung durch die Bundesagentur für Arbeit und weitere Betriebspraktika. Die Berufsmesse „im eigenen Haus“ bildet für die Oberstufe nun eine weitere Alternative zur Berufsorientierung.

Konstanten Zulauf hat der Stand der Polizei NRW. Kickertisch und Sitzsäcke wollen optisch zwar nicht zu den beiden Beamten in Uniform passen, die Schüler interessiert aber auch mehr, was Rainer Enge von der Polizei im Kreis Unna zur Vorgabe für eine duale Ausbildung zum Kommissar oder zur Kommissarin macht. „Sportlich müsst ihr sein, braucht das Schwimmabzeichen in Bronze, müsst teamfähig sein“, beginnt Enge seine Aufzählung.

Studieren geht auch später: Abiturienten wollen eine sichere Basis für ihr Berufsleben

Rainer Enge erklärte das Anforderungsprofil der Polizei im Akkord und verteilte jede Menge Info-Material an die Schüler. © Marcel Drawe

„Wir haben großen Zulauf auf solchen Messen“, sagt Jasmin Dunkhorst. Die Holzwickederin ist Beamtin in der Landeszentrale Personalwerbung der Polizei. „Wir sprechen aktuell von 2500 offenen Stellen in NRW“, sagt Dunkhorst. Umso wichtiger sei es, junge Menschen zu werben und das Aufgabenfeld der Polizei abseits von Darstellungen in Film und Fernsehen zu erläutern. „Fahr- und Schießtraining, Verkehrsrecht, Psychologie, Kommunikationstraining, Erste Hilfe – die Ausbildungsinhalte sind vielfältig“, sagt Dunkhorst. Das Gelernte komme zudem früh zur Anwendung: „Bereits im ersten Ausbildungsjahr warten Einsätze in Praxismodulen, natürlich in Begleitung erfahrener Tutoren.“

Mit dem Elektrogroßhändler Sonepar ist auch ein Unternehmen vertreten, das vor zwei Jahren eine Kooperation mit dem CSG eingegangen ist. „Für Praktika kommen dadurch bevorzugt CSG-Schüler in Frage. Wir haben aber auch schon zum Bewerbungs-Workshop geladen“, sagt Stephan Warneke aus der Personalabteilung des Unternehmens. Abiturienten in Ausbildung – besteht das Risiko, dass sich die jungen Menschen im Anschluss vom Unternehmen zwecks Studium verabschieden? „Ja, das kommt vor. Wir versuchen dem durch ein breites Aufgabenfeld entgegenzuwirken“, sagt Personalreferent Oliver Szameit. Das französische Unternehmen vertreibt Elektronikprodukte für Handwerk und Industrie in mehr als 40 Ländern – lokal verwurzelt bleiben, das sei ebenso denkbar, wie international zu arbeiten.

Studieren geht auch später: Abiturienten wollen eine sichere Basis für ihr Berufsleben

Montanhydraulik schickte eine junge Delegation auf die Berufsmesse: Die angehenden Zerspanungsmechaniker Jan Strotmann und Industriekauffrau Lisa Wiggering hatten Metall-Arbeiten aus der Lehrwerkstatt dabei und erzählten aus ihrem Arbeitsalltag. © Marcel Drawe

Die Idee, eine eigene Berufsmesse zu veranstalten, hatten die beiden Lehrer Juliane Otto und Thomas Barnefeld, die am CSG für Studien- und Berufsorientierung zuständig sind. „Die Rückmeldung der Betriebe auf unsere Anfragen war riesig. Es ist ein großes Interesse da, sich auf dem Wege frühzeitig Fachkräfte zu sichern“, sagt Barnefeld. Dabei lokale Unternehmen einzuladen, sei ihnen wichtig gewesen, so Otto. Auch den beiden Lehrern ist aufgefallen, dass sich Gymnasiasten vermehrt eine Ausbildung nach dem Schulabschluss vorstellen können. „Abitur ja, aber nicht jeder muss damit zwingend studieren. Auch eine Ausbildung ist heutzutage komplex und fordernd“, sagt Barnefeld.

Dass die Messe keine einmalige Veranstaltung bleibt, für Schulleiterin Andrea Helmig-Neumann wäre das wünschenswert. Sie sieht aber auch den organisatorischen Aufwand, den vor allem Otto und Barnefeld stemmen mussten. „Vom Interesse der Schüler und der Arbeit der Kollegen bin ich absolut begeistert. Das war ein guter Auftakt, aber bei einer Wiederholung müssten wir die Organisation sicherlich auf mehr Schultern verteilen“, sagt Helmig-Neumann.

Speed Dating mit ehemaligen Schülern

Neben den Ständen potenzieller Arbeitgeber bot die Messe auch ein berufliches Speed Dating: 13 ehemalige Schüler, darunter angehende Juristen, Mediziner oder Lehrer baten zu Tisch und beantworteten Fragen. Nach dem Abitur den Kopf freibekommen: Davon berichtete Leah Heilbrunner an ihrem Tisch. Sie absolviert momentan ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Karl-Brauckmann-Schule. „Ich wollte Lehrer werden, aber war nicht sicher in welcher Schulform“, sagt Heilbrunner.

Studieren geht auch später: Abiturienten wollen eine sichere Basis für ihr Berufsleben

Leah Heilbrunner erzählt Salma Ahmed von ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr an der Karl-Brauckmann-Schule. © Marcel Drawe

Auch wenn sie im FSJ mit monatlich 400 Euro auskommen muss, bereut die Holzwickederin das Orientierungsjahr nicht: „Ich wohne noch bei meinen Eltern, teile mir ein Auto. Das Geld ist schnell weg, aber es geht“, sagt Heilbrunner.

Viel wichtiger ist ihr das Kollegium an der Brauckmann-Schule: „Da arbeiten tolle Lehrer und ich bekomme jede Menge Einblicke in den Beruf“, sagt die Abi-Absolventin 2018. Für sie ist klar, dass nach dem FSJ ein Sonderpädagogik-Studium folgt. Ein Beruf mit Zukunft, denn Sonderpädagogen fehlen: Das NRW-Schulministerium bewertet die Einstellungschancen in den nächsten Jahren mit hervorragend bis sehr gut. „Das ist mir wichtig – eine sichere Berufsperspektive zu haben“, sagt Leah Heilbrunner.

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