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Münsterländer wandert auf den Spuren seiner Mutter in Opherdicke

Entdeckungstour mit Historischem Verein

Ein Gebäude mit wechselvoller Geschichte hat einen Münsterländer nach Opherdicke geführt: Mit lokaler Unterstützung konnte Krebs die Erinnerungen seiner Mutter an das Landjahrheim nachvollziehen.

von Sebastian Pähler

Holzwickede

, 24.04.2019 / Lesedauer: 3 min
Münsterländer wandert auf den Spuren seiner Mutter in Opherdicke

Hardy Krebs (r.) wanderte mit Andreas Heidemann auf den Spuren seiner Mutter durch Opherdicke. © Udo Hennes

Eine kaum bekannte Seite in der Geschichte Opherdickes haben die Lebenserinnerungen einer Frau aus Rheine aufgeschlagen. Auf den Spuren seiner Mutter brachten Hardy Krebs diese kürzlich nach Holzwickede, wo Andreas Heidemann ihm half, die Erinnerungen mit realen Orten in Verbindung zu bringen.

Ziel der Wanderung des Besuchers aus dem Münsterland und des Vorsitzenden des Historischen Vereins Holzwickede war das ehemalige Landjahrheim an der Altendorfer Straße, das als Erziehungsanstalt Opherdicke bekannt ist.

Es war schön da

Wenn über die Geschichte des großen Bauwerks nahe der Raketenstation berichtet wird, ist der Ton meist eher düster. Als Zweigstelle der Erziehungsanstalt Holzwickede wurden hier Anfang des 20. Jahrhunderts „geistig und sittlich“ gefährdete Knaben untergebracht. Oft ist die Rede von Kindesmisshandlung und traurigen Schicksalen.

Mehr als 100 Jahre alt

Von der Erziehungsanstalt zum Wohnhaus

Das Gebäude an der Altendorfer Straße wurde 1907 als Zweiganstalt des „Hellweger Erziehungshauses“ eröffnet. Das von Friedrich Stehfen initiierte und 1863 eröffnete Erziehungshaus an der Rausinger Straße wurde 1945 bei einem amerikanischen Luftangriff zerstört. Die Zweigstelle in Opherdicke überdauerte indes die Zeit und erlebte eine wechselvolle Geschichte: Zwischen 1931 und 1969 fungierte das Gebäude als Jugendherberge, Lager für „Jungflieger“ im Nationalsozialismus und später als Landjahrheim. Nach 1945 war hier zunächst ein Altenheim und dann ein Wohnheim für portugiesische Gastarbeiter. Seit 1969 ist das Haus als Wohngebäude in privater Nutzung.

Eine ganz andere Seite hat allerdings Lisel Krebs kennengelernt. 1942, einige Jahre nachdem der Betrieb als Erziehungsanstalt eingestellt worden war, verbrachte sie ein sogenanntes Landjahr in Opherdicke. Sie war damals 14 Jahre alt, kam aus Rheine und weiß eine ganz andere Geschichte zu erzählen. „Für sie war das eine sehr schöne Zeit“, berichtet Hardy Krebs, der Sohn von Lisel. „Es war eine typische Kindheit für die Zeit“, erzählt er. „Es war streng, aber wer sich daran hielt, konnte gut leben.“

In Opherdicke haben Lisel und die anderen Mädel im Landjahr Handarbeiten durchgeführt; gelernt, auf den Feldern zu arbeiten und so Bauernfamilien zu unterstützen. Kein einfaches Leben, aber eine Abwechslung zu den beengten Verhältnissen in Rheine. „Die waren damals bestimmt froh, auch mal raus unter Gleichaltrige zu kommen“, erläutert Andreas Heidemann. Natürlich wurde das, bereits in der Weimarer Republik begründete, Landjahr in der Zeit des Nationalsozialismus genutzt, um junge Menschen zu indoktrinieren. „Führer, Volk und Vaterland“, so Heidemann und Krebs bestätigt: „Das gab es natürlich auch“. Doch seine Mutter fühlte sich als Jugendliche hier wohl.

Auf den Spuren des runden Leders

Immer wieder berichtete Krebs‘ Mutter Lisel von der schönen Zeit in Opherdicke. Darum war der Ort auch Sohn Hardy ein Begriff, als er beim Planen einer Wanderung über den Ortsnamen stolperte. Als Fußballfan des FC Eintracht Rheine hat er es sich zur Angewohnheit gemacht, den Verein zu Auswärtsspielen zu begleiten und vor dem Anstoß die Region zu bewandern. Vor Ostern stand nun ein Spiel gegen den Holzwickeder SC an.

Er nahm Kontakt zum Historischen Verein auf und der Vorsitzende Andreas Heidemann erklärte sich bereit, ihn durch den Ort zu führen, an dem seine Mutter einen guten Teil ihrer jungen Jahre erlebt hat. Vorbei an den Kirchen, Haus Opherdicke und über die Kuhstraße bis hin zu dem alten Haus, führte sie ihr Weg, an dessen Ende Krebs durchaus nachvollziehen konnte, warum Opherdicke seiner Mutter immer in guter Erinnerung geblieben ist.

Im Gepäck hatte er dabei noch einen besonderen Schatz: Die Landjahrmappe seiner Mutter. Die hatten die Mädel damals erstellt und Lisel hat ihre bis heute aufbewahrt. „Das ist sehr spannend“, so Heidemann. „Das eine ist die Sicht von oben, die man immer bekommt, aber das auch aus der Sicht der Kinder zu sehen, ist nochmal was anderes.“

Noch braucht Hardy Krebs die Mappe, denn er will die Fotos, die er auf der Reise geschossen hat, mit denen in dem alten Dokument vergleichen, wenn er sie seiner Mutter zeigt. Denn Lisel lebt noch, und wenn es ihre Gesundheit zulässt, möchte Krebs noch einmal mit ihr nach Opherdicke kommen. Die Mappe aber soll später an den Historischen Verein gehen, digitalisiert und archiviert werden, damit sie einmal Historikern zu Forschungszwecken zur Verfügung steht.

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