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300 zusätzliche Patienten will Dirk Westermann aufnehmen, um die Lücke, die durch Dr. Risses Weggang entstanden ist, anteilig zu füllen – die Kapazität hat der Holzwickeder eigentlich nicht.

Holzwickede

, 17.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Theoretisch ist die hausärztliche Versorgung in Holzwickede gesichert – heißt es zumindest von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Der Alltag von Hausarzt Dirk Westermann spricht hingegen andere Bände und zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Sein Tag beginnt früh und endet oft erst, wenn die meisten seiner Patienten wohl schon tief und fest schlafen.

„Dann hoffe ich, noch kurz meine Tochter beim Abendessen sehen zu können, um mich dann in die Praxis zu verziehen, wo ich Unterlagen von neuen Patienten durchsehe und die Hausbesuche nacharbeite.“
Dirk Westermann,
Hausarzt

Ab 7.30 Uhr ist Westermann in seiner Praxis, um Patienten während der Sprechstunde zu betreuen – gelegentlich macht er vorab noch Hausbesuche. Bis das Wartezimmer „abgearbeitet“ ist, sei es meist 12.30 bis 13 Uhr, so Westermann. Ab 14.15 Uhr ist er mit Telefonaten, Faxantworten, Rezepten und weiteren Büroarbeiten beschäftigt. Für seine Mittagspause bleibt nur wenig Zeit, denn zwischen 15 und 18.30 Uhr warten wieder Sprechstundenpatienten auf ihn. Es folgen weitere Telefonate, Heimanfragen, Kontrollen von Laborergebnissen, Post „und dann noch Hausbesuche, wenn sich das nicht telefonisch klären lässt“, schildert der Hausarzt. „Dann hoffe ich, noch kurz meine Tochter beim Abendessen sehen zu können, um mich dann in die Praxis zu verziehen, wo ich Unterlagen von neuen Patienten durchsehe und die Hausbesuche nacharbeite. Da wird es schnell 23 oder 24 Uhr.“

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Genau wie sein Kollege Frank Robben spürt er den Weggang von Dr. Barbara Risse, die die Gemeinschaftspraxis mit Dr. Barbara Hegemann Ende vergangenen Jahres verlassen hat. Bei einer Besprechung im November hätten die Ärzte das „Dilemma“ nicht lösen können, so Westermann. Seit Oktober vergangenen Jahres habe er 90 neue Patienten aufgenommen, obwohl bis dahin schon absolut am Anschlag gearbeitet worden sei. „Wir haben uns entschlossen, maximal 300 Patienten auf- beziehungsweise zu übernehmen, um unseren Anteil rein rechnerisch zu erfüllen – in dem Wissen, dass die Qualität damit sinken kann“, so Westermann. Einige Patienten wechselten auch von anderen Hausärzten zu ihm, weil ihr vorheriger Hausarzt keine Hausbesuche mache – auch nicht im Seniorenheim.

Lange geht das nicht mehr gut: Holzwickeder Hausärzte arbeiten am Anschlag

Hausärzte wie Dirk Westermann haben mehr Aufgaben, als nur Patienten zu untersuchen. Westermann sitzt oft bis in die späten Abendstunden im Büro. © Pott

Derzeit gibt es laut Westermann circa 1400 Kassenpatienten, die in Holzwickede einen neuen Hausarzt suchen, hinzu kämen rund 100 Privatpatienten. Aufgeteilt werden müssten diese Patienten auf 6,5 Hausärzte – Barbara Hegemann, Helmut Große-Schultz, Barbara Hülswitt, Udo Pappert, Frank Robben, Dirk Westermann und sein Vater Jürgen Westermann mit halbem Kassenarztsitz. Der 75-jährige Jürgen Westermann mache nur wegen der entstandenen Hausarztlücke in Holzwickede weiter. Er habe eigentlich im November vergangenen Jahres aufhören wollen. „Wegen des Weggangs von Frau Risse macht er jetzt noch maximal ein Jahr weiter, bis ich einen Ersatz gefunden habe oder Frau Hegemann einen Kollegen oder eine Kollegin für ihre Gemeinschaftspraxis findet, was sich aber als sehr schwierig gestaltet“, so Westermann.

Überdies seien nicht nur die Ärzte, sondern auch die „Sprechstunden-Engel“ am Anschlag, die „schon geschwollene Ohren vom Telefonieren haben und noch vor uns Ärzten immer den ganzen Frust der Patienten abbekommen und abfangen“.

Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung

Statistik spiegelt nicht die Praxis wider

Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) ist der Mittelbereich Unna statistisch gesehen stabil. Die hausärztliche Versorgung liege bei 104,5 Prozent (Stand: November 2018). Ein Mittelbereich sei ein räumlicher Planungsbereich entsprechend den Festlegungen des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), erklärt Pressesprecherin Vanessa Pudlo. Die Planung der hausärztlichen Versorgung beziehe sich stets auf den gesamten Mittelbereich, weil zwischen den Gemeinden Funktions- und Wechselbeziehungen bestünden. Die Bereiche „basieren auf räumlichen Verflechtungen und bilden das zu erwartende Verhalten der Bevölkerung bei der Inanspruchnahme von Infrastrukturen und Einrichtungen der Daseinsvorsorge sowie bei der beruflichen Mobilität ab“. Laut Hausarzt Dirk Westermann sind diese Kreise aber zu groß, denn es komme sehr selten vor, dass Patienten aus der Umgebung in seine Praxis kommen: „Das wird schön gerechnet.“

Nicht nur Barbara Risse, die mittlerweile eine eigene Praxis in Lippstadt betreibt, hinterlässt in Holzwickede eine Lücke. „Auch der Nachfolger von Dr. Wilke, Herr Banasch ist vor einigen Jahren aus der Versorgung der Holzwickeder ausgestiegen“, gibt Westermann zu bedenken. Und noch eine dritte Lücke hat sich vor einigen Monaten aufgetan. In der Gemeinschaftspraxis von Helmut Große-Schultz und Barbara Hülswitt übernimmt seit etwa drei Monaten Große-Schultz die Patienten seiner erkrankten Kollegin. Wie lange Hülswitt noch ausfällt – das würden Patienten wie Hans Erhard Sinn gerne wissen. „Als Patient wird man langsam unsicher, weil keiner einem sagt, was Sache ist“, so Sinn. Auch auf Nachfrage der Redaktion gab die Praxis keine Auskunft. Sinn und seine Frau sind Patienten von Barbara Hülswitt und sind mit ihrer Ärztin auch zufrieden – dennoch spiele er mit dem Gedanken, sich einen neuen Hausarzt zu suchen.

Zwar würde Große-Schultz die Patienten übernehmen, aber das könne er auf Dauer nicht schaffen. Er sei laut Sinn ein hervorragender Arzt – aber alle Patienten zu übernehmen, „geht vielleicht als Urlaubsvertretung. Das ist kein Dauerzustand“, so Sinn. Große-Schultz vergebe zudem grundsätzlich keine Termine, sondern nehme der Reihe nach dran. Das führe dazu, dass das Wartezimmer meist sehr voll ist. Der Mangel an Hausärzten entwickle sich laut Sinn zu einem „Grundsatzproblem in Holzwickede“.

Dass die Bedarfsplanung für Ärzte im Ruhrgebiet nicht gerecht ist, empfindet auch Landrat Michael Makiolla so. Was Gesundheitsminister Jens Spahn Makiolla dazu gesagt hat, lesen Sie hier:

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