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Jakobsweg kann jeder: Ritva Heldt hat sich einen Wunsch erfüllt, den sie sechs Jahre lang in sich trug. Die 21-Jährige lief in der Emschergemeinde los und pilgerte 1800 Kilometer bis nach Rom. Nach wenigen Tagen wäre die Reise fast zu Ende gewesen, aber Ritva zeigte Willen.

Holzwickede

, 04.08.2018 / Lesedauer: 4 min

Nach drei Tagen hat Ritva Heldt den Gedanken im Kopf gehabt: Aufgeben. Das ist zu hart. 92 Stempel im Pilgerpass zeigen: Sie hat nicht aufgegeben, ist jeden einzelnen Tag gelaufen. Das bescherte ihr weitere harte Momente aber viel wichtiger: zahlreiche schöne Erlebnisse auf dem Weg bis nach Rom.

„Ich bin absolut unsportlich. Die Reise hat mir gezeigt: Am Ende geht alles über den Willen“, sagt Ritva. Und als sie am 9. Juni den Pass hinauf zum Col du Grand-Saint-Bernard, den Großen St. Bernhard, geschafft hatte und von der Schweiz nach Italien wanderte, wusste die 21-Jährige: Jetzt packe ich auch den Rest des Weges.

Überhaupt fing die eigentliche Pilgerreise da erst an: Ritva ist den Via Francigena gelaufen. Der Wanderweg beginnt im englischen Canterbury und führt bis Rom. Im ersten Teil ihrer Reise ging es für sie darum, überhaupt auf den Pilgerpfad zu kommen. Es war der weitaus härtere Teil des Weges. „Bis dahin sind ja kaum Pilger unterwegs, entsprechend schwierig ist es, eine Unterkunft zu finden“, sagt Ritva.

In 92 Tagen von Holzwickede bis auf den Petersplatz nach Rom

Das ist die Antwort auf die Frage: Was passiert, wenn man seine Füße drei Monate lang jeden Tag in Wanderschuhe steckt. © Greis

Ausgestattet mit einem mehrsprachigen Empfehlungsschreiben von Pastor Bernhard Middelanis waren Kirchengemeinden in Dörfern ihre ersten Anlaufpunkte am Ende einer Etappe. So kam sie oft an ein kostenloses Zimmer, aber auch in Pensionen und Jugendherbergen konnte sie übernachten. „Ich wollte so sparsam wie möglich sein. Und dann komme ich in Frankreich bei einem netten Ehepaar unter, das mir statt 65 Euro für ein Zimmer gar nichts berechnet hat“, sagt die Studentin und lacht.

Auf ein Zelt verzichtete sie – zu schwer. „Mein Gepäck wog 22 Kilo. Auf dem Weg hat jemand gesagt: ‚Der größte Luxus eines Wanderers ist wenig.“ Jeden Nachmittag ein sicheres Zimmer mit fließendem Wasser gefunden zu haben, das war für die Pilgerin selbst der größte Luxus.

Dabei erlebte Ritva vom Start am 19. April bis zum Ziel am 19. Juli keinerlei brenzlige Situationen. Im Gegenteil: „An einer Kirche traf ich eine betende Frau, die mich bei sich aufgenommen hat. In einer Tankstelle hat die Kassiererin ihre Kontakte abtelefoniert, weil es schon spät war und ich noch kein Zimmer hatte. So lange, bis ich eines hatte. Es gab so viel Hilfe unterwegs. Es ist Wahnsinn zu erleben, dass fremde Menschen einem einfach vertrauen“, sagt die 21-Jährige. Es war eine einfache Lektion: „In den Nachrichten findet sich meist das Schlechte. Aber die Realität ist eine andere.“

Einfacher wurde es dann ab Italien. 4.30 Uhr aufstehen, einen Happen essen, frisch machen und loslaufen. Am Nachmittag nach einer Unterkunft suchen. Lebensmittel kaufen, essen, den nächsten Tag planen, schlafen. Der Körper hatte sich längst an den Rhythmus gewöhnt, mehr und mehr Pilger und Pilgerstätten kreuzten Ritvas Weg. „Trotzdem geht man für sich. Ein kanadisches Paar habe ich immer wieder in den Unterkünften getroffen. Das passiert häufig“, sagt Ritva. Doch wer sich vorab entschieden habe, alleine zu gehen, der zieht das durch.

Alleine sein, das war für die Holzwickederin nicht so schwer. „Es kommen einem keine philosophischen Gedanken oder so. Der Kopf leert sich. Man läuft einfach“, sagt sie. Und blickt immer mal wieder aufs Handy: „Ich bin kein Technik-Freak, aber ich frage mich, wie das früher lief. Es ist doch hilfreich, wenn man zur Orientierung mal aufs Smartphone schauen kann oder für Hilfe den Freund oder die Familie anruft“, sagt Ritva. Nicht selten habe ihr Freund von der Heimat aus nach Dörfern oder Unterkünften für sie gesucht und die Infos durchgegeben. „Meine Eltern und er haben gemerkt, dass ich das unbedingt machen möchte und mich sehr unterstützt“, sagt die Studentin.

Gedanken an eine Pilgerreise hatte sie erstmals vor sechs Jahren. „Dann kommt einem der Jakobsweg natürlich zuerst in den Sinn. Aber der ist so überlaufen und ich wollte für mich sein“, sagt Ritva. Schnell fiel die Wahl also auf Rom. „Neben Jerusalem ist das ja auch das klassische Pilgerziel“, weiß die Katholikin.

Wie wichtig war ihr Glaube für sie auf den 1800 Kilometern bis zum Petersdom? „Das viele Gute, das mir widerfahren ist. Vielleicht Glück, vielleicht hat mich aber doch jemand begleitet, weil alles so gut geklappt hat.“

Geglaubt haben sie auch in Holzwickede an die junge Pilgerin. „Pastor Middelanis hat jeden Mittwoch in der Messfeier über meinen Weg informiert und mit der Gemeinde für mich gebetet. Zu wissen, dass zig Kilometer entfernt Menschen an dich denken, das hat mir schon enorm geholfen“, sagt Ritva Heldt.

Als sie nach drei Monaten ihr Ziel in Rom erreicht hat, wusste unter Millionen von Menschen in der Stadt niemand um ihre Leistung: „Ich stand für mich alleine auf dem Petersplatz und war überwältigt, obwohl ja keinem klar war, dass ich zu Fuß nach Rom gekommen bin.“ Ritva weiß, dass es kitschig klingt, aber in dem Moment wusste sie: „Es geht wirklich nicht ums Ziel. Es geht alleine um den Weg dahin.“

Schon am 20. Juli ging es für Ritva im Flieger zurück in die Heimat. Am Fenster sitzend, wird ihr die Strecke bewusst: „Drei Monate lang war ich jeden Tag ein kleiner Punkt da unten, der sehr langsam vorankam. Jetzt sitze ich im Flugzeug und bin innerhalb eines Tages zu Hause.“ Es ist eben der Weg, der sich lohnen muss, nicht das Ziel.

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