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Christel und Reinhard Lorenz haben Anzeige erstattet. Nach dem Tod ihres Sohnes Christian erheben sie den Vorwurf, im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg habe man ihren Sohn nicht sachgerecht behandelt.

Fröndenberg

, 30.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Am 24. November 2018 war Christian Lorenz in Essen verhaftet worden. Über die Gründe will die Staatsanwaltschaft Essen mit Blick auf die Persönlichkeitsrechte des Verstorbenen keine Angaben machen. Der 41-Jährige kam in U-Haft. Was danach folgte, ist für die 64 Jahre alte Mutter und den ein Jahr älteren Vater kaum nachvollziehbar und beschäftigt derzeit die Staatsanwaltschaft Münster.

Am 5. Januar in Justizvollzugsklinik verlegt

Fakt ist: Christian Lorenz wurde zunächst in der JVA Essen in Untersuchungshaft genommen. Dort verschlechterte sich der Gesundheitszustand. Als Vater Reinhard seinen Sohn am 21. Januar in Essen besuchen wollte, war dieser schon 16 Tage im Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg. „Wir wussten von nichts. Ich war umsonst von Erkelenz nach Essen gefahren“, sagt Reinhard Lorenz.

Auf 40 Kilogramm abgemagert

Im JVK Fröndenberg dauerten die Beschwerden des U-Häftlings offenbar an. Die Eltern berichten, dass ihr Sohn bei einer Größe von 1,78 Meter bis auf 40 Kilogramm abmagerte. „Ich war schockiert, als ich Christian am 29. und 30. Januar in Fröndenberg besucht habe. Er saß im Rollstuhl, die Brechtüte in der Hand“, erinnert sich Reinhard Lorenz.

Tod in Haft – Eltern erheben schwere Vorwürfe gegen das Justizvollzugskrankenhaus

Christian Lorenz verstarb am 4. Februar in der Uni-Klinik Münster, wohin er aus dem Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg verlegt wurde, als eine Notfall-OP nötig wurde.


Anwältin stellt am 30. Januar Eilantrag auf Verlegung in Uni-Klinik

Besorgt habe er daraufhin die Anwältin angerufen, die umgehend einen Eilantrag an das JVK schickte und die Verlegung in die Universitätsklinik Hannover verlangte, wo Christian Lorenz bereits Anfang 2018 wegen eines Gefäßverschlusses im Bauchraum operiert worden war. Doch das JVK erteilte dieser Aufforderung eine Abfuhr.

Leitender Arzt lehnt Verlegung ab, vermutet psychische Ursachen

Am 31. Januar verfasste der leitende Arzt ein Schreiben, das der Redaktion vorliegt und in dem es heißt: „Zusammenfassend lassen sich aktuell keine Hinweise auf eine somatisch bedingte Ursache finden, im Gegenteil gehen wir stark von einer psychischen Genese der Beschwerden oder einem zielgerichteten Verhalten aus, was angesichts der Gesamtumstände auch am wahrscheinlichsten ist. Natürlich kann die mangelnde Nahrungsaufnahme zu einem vital bedrohlichen Zustand führen, der aber auch in einem zivilen Krankenhaus nicht besser behandelt werden kann.“

Dann doch Verlegung und Notoperation in Münster

Einen Tag später erfolgte dann doch die Verlegung in die Uni-Klinik Münster, wo Christian Lorenz notoperiert wurde. Die Ärzte dort sprechen von einem ausgezehrten, abgemagerten und reduzierten Allgemeinzustand. Weitere Nachoperationen folgten am 2. und 3. Februar. Am 4. Februar kam es zu einem Hinterwandinfarkt, an dessen Folgen Christian Lorenz noch am gleichen Tag in der Uniklinik Münster verstarb. Vier Tage, nachdem der leitende Arzt in Fröndenberg noch psychische Ursachen vermutete.

Tod in Haft – Eltern erheben schwere Vorwürfe gegen das Justizvollzugskrankenhaus

Das Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg behandelte Christian Lorenz vom 5. Januar bis 1. Februar. Dort vermutete man psychische Probleme. © Marcel Drawe


JVK-Leiter beantragt Todesermittlungsverfahren

Der Leiter des JVK Fröndenberg, Joachim Turowski, hat nur einen Tag nach dem Tod von Christian Lorenz ein Todesermittlungsverfahren beantragt. „Bei einem Todesfall im Justizvollzugskrankenhaus wird das automatisch durchgeführt. In diesem Fall wollten wir uns ebenfalls absichern“, sagt er. Zwei CT-Untersuchung im JVK seien ergebnislos gewesen. Außerdem habe man trotz der Klagen des Patienten über häufiges Erbrechen nie einen Anhaltspunkt gefunden, dass dieser sich tatsächlich übergeben habe. Erst eine weitere CT-Untersuchung habe einen Gefäßverschluss ergeben, woraufhin Christian Lorenz am 1. Februar umgehend in die Uniklinik Münster verlegt worden sei. Als Nicht-Mediziner will Turowski nicht beurteilen, ob es einen Behandlungsfehler in seinem Haus gegeben hat oder nicht. „Das wird die Untersuchung der Staatsanwaltschaft ergeben“, sagt er.

Strafanzeige auch gegen Justizvollzugsanstalt Essen

Dass den Eltern das Ganze nicht geheuer vorkommt, betonen sie mehrmals, als sie gegenüber der Redaktion erklären, warum sie mit dem Fall ihres Sohnes an die Öffentlichkeit gehen und die Gerichte beschäftigen. „Wir wollen nicht, dass so etwas noch einmal geschieht“, sagen sie. Deshalb haben sie vier Tage nach dem Tod ihres Sohnes sowohl gegen das Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg als auch gegen die Justizvollzugsanstalt Essen Anzeige erstattet wegen nicht sachgerechter Behandlung. „Weder in der Untersuchungshaft, noch im JVK wurden unserem Sohn die nach seiner Bauchaorten-OP nötige Diät sowie alle nötigen Medikamente gewährt“, meinen die Eltern. Sie haben über ihren Anwalt Akteneinsicht beantragt.

Ermittlungsverfahren wird vermutlich an Staatsanwaltschaft Dortmund oder Essen übergeben

Ob sie mit ihren Vorwürfen Recht haben, wird nun das Ermittlungsverfahren ergeben. Nachdem Christian Lorenz laut Auskunft der Staatsanwaltschaft Münster am 7. Februar obduziert worden ist, wird das Verfahren aber wohl nicht in Münster weitergeführt werden. „Die Strafanzeige der Angehörigen ist Bestandteil des Todesermittlungsverfahrens. Vorwürfe gegen Ärzte des Universitätsklinikums Münster werden ausdrücklich nicht erhoben, sodass das Verfahren vermutlich an eine andere Staatsanwaltschaft abgegeben wird“, sagt Martin Botzenhardt, Sprecher der Staatsanwaltschaft Münster.

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