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In Umfragen und Städtevergleichen landet Dortmund immer wieder auf den hinteren Plätzen. Doch an den alten Industrie-Landmarken ist zu erkennen, dass die Stadt besseres Ansehen verdient. Wir zeigen ein Stück Heimatliebe mit einem Dortmund-Video aus der Vogelperspektive.

Dortmund

, 19.06.2018 / Lesedauer: 5 min

Dortmund, das ist die Stadt mit der hohen Mortalitätsrate, weil hier die Briketts so tief fliegen. Wäsche zum Trocknen ins Freie hängen? Niemals! Denn darauf legt sich dann der Kohlestaub ab. Wie viele andere Ruhrgebietsstädte auch versinkt Dortmund in schnell und billig produzierten Städtevergleichen, die in der Westfalenmetropole die Negativfaktoren stärker gewichten als die Standortvorteile. Kohle, Stahl und Bier prägten über Jahrzehnte die Arbeit und das Leben in der Stadt.

Mit diesen schwergewichtigen Altlasten an den Hacken musste Dortmund einen Strukturwandel stemmen, von dem andere Regionen verschont geblieben sind, weil sie um die Industrie einen großen Bogen gemacht haben. Übrig geblieben sind liebevoll aufgepäppelte Industrieanlagen, die als mächtige Bauwerke in der Landschaft auch den Strukturwandel symbolisieren. Dortmund bekennt sich zu seiner Arbeitergeschichte und baut darauf auf.

Dieses Video zeigt aus der Vogelperspektive Orte, die Dortmund in der Vergangenheit geprägt haben und in der Zukunft auf eine ganz andere Weise prägen werden - eine neue Idee gibt es für den Kronen-Turm in der Innenstadt. Auch an den Phoenix-Arcaden in Hörde geht es los:

Pascal Ledune ist das lebende Gegenteil von Städtevergleichen, die Deutschlands Metropolen in Sieger und Verlierer einteilen. Ein totaler Optimist. Einer, der an Dortmund glaubt wie andere an den lieben Gott oder den BVB. Sein Schreibtisch im Büro in der Innenstadt steht auf vier Steinen. Im Regal liegt ein Schlüssel für die Hochofenanlage in Hörde stets griffbereit, damit er Gäste durch die Wiege der Stahlindustrie des Ruhrgebiets führen kann. Pascal Ledune ist Wirtschaftsförderer.

Der 47-Jährige erkennt ein „zunehmend positives auswärtiges Besucherbild, das zu den vielen Umfragen nicht passt.“ Ein Bild, das auch Existenzgründer und Unternehmer gestalten, die auf Dortmund abfahren und die Ärmel hochkrempeln.

10.000 Arbeitsplätze auf Phoenix-West

Wenn Pascal Ledune potenzielle Investoren durch Dortmund steuert, dann führt er sie nicht vorbei an rauchenden Schornsteinen, sondern fährt zu Dortmunder Landmarken. 160 Jahre lang war das 1998 stillgelegte Hüttenwerk Phoenix West in Hörde ein bedeutender Arbeitgeber. Nach der Demontage der Schwerindustrie und dem Aufbau eines Gewerbegebiets ist Phoenix-West wieder ein Jobschmiede.

Zwischen 2023 und 2028 sollen alle Grundstücke auf dem von NRW Urban entwickelten Areal bebaut sein. In dem 110 Hektar großen Technologiezentrum werden dann voraussichtlich 10.000 Menschen arbeiten. So viel wie nie zuvor. Hochöfen, Gasometer, Kühltürme und alte Industriehallen dokumentieren im Hörder Westen nicht den Verfall einer Region, sondern Aufbruch und Malochermentalität. Pascal Ledune spürt auch einen „großen Druck“.

So haben Sie Phoenix-West, Kokerei Hansa und Co. noch nie gesehen

Pascal Ledune geht davon aus, das auf Phoenix West in Hörde rund 10.000 Menschen arbeiten werden. © Peter Bandermann

„Wir merken, dass es los geht“, sagt er als Leiter des Bereichs Invest und stellvertretender Leiter der Dortmunder Wirtschaftsförderung nach einem längeren Stillstand auf dem Immobilienmarkt. Er meint damit das Ende des anfangs schleppend angelaufenen Strukturwandels auf Phoenix West.

„Mit Kaufinteressenten verhandeln wir über sämtliche Flächen. In zwei bis drei Jahren werden alle Baufelder verkauft sein. Wenn das, was wir im Moment erleben, so anhält, tritt genau das ein. Denn der Wunsch von Unternehmern, nach Dortmund zu kommen, ist groß“, sagt Pascal Ledune und liefert ein aktuelles Beispiel: Ein großer IT-Unternehmer aus der Region werde auf Phoenix West im Schatten der Hochöfen investieren.

Dortmund biete positiv überzeugende „knallharte Standortfaktoren“ gerade in Zeiten, in denen sich ganze Branchen digitalisieren. Und Branchen brauchen Flächen und gut ausgebildete Fachkräften. Pascal Ledune: „Haben wir in Dortmund“. 38 von 110 Hektar auf Phoenix West bilden eine Gewerbefläche mit 49 Baufeldern. Die Hälfte ist bereits vermarktet. Nur 20 Jahre nach der Stilllegung der Hochöfen wird hier wieder in die Hände gespuckt.

Am Ende zählt das Bauchgefühl

Klar, ein Unternehmer blicke auf Zahlen, bevor er eine Standort-Entscheidung trifft, „doch am Ende zählt auch das Bauchgefühl“, erklärt Pascal Ledune, der auf genau dieses Gefühl abzielt. Dortmund habe einen besonderen Klebeeffekt, könne jungen Arbeitnehmern etwas bieten. „Die wollen nicht auf der grünen Wiese arbeiten und leben, sondern nach dem Studium in Dortmund wohnen.“

Phoenix-West sei so ein Standort, der Arbeit und Leben verbinde. Vor zwei Jahrzehnten habe man sich in Dortmund noch gefragt „Kann das weg oder ist das Industriekultur“? Heute frage das niemand mehr. Alte Industrieanlagen wie die Zeche Zollern in Bövinghausen oder die Kokerei Hansa in Huckarde sind entweder Kulturstandorte oder sie sind Arbeitsplatz-Areale, wie Phoenix-West, die urbanes Leben anlocken.

Brauerei mit Stehbierhalle

Phoenix West, das ist dort, wo die Dortmunder Bergmann-Brauerei ihr Bier braut und in der Stehbierhalle einschenkt oder in der Warsteiner Music Hall große Konzerte stattfinden. Über 120 Jahre alte Industriearchitektur prägt die Landschaft. Darunter sind auch Ladenhüter. Der Gasometer ist so eine Problemimmobilie. Pascal Ledune: „Es gibt Immobilien, die sind schwer oder besonders schwer zu vermarkten. Der Gasometer gehört zu den besonders schwer zu vermarktenden Anlagen.“ Eine Kletterhalle sollte darin schon entstehen. Doch der Traum platzte. Jetzt brüten Turmfalken auf dem Dach.

Auf der anderen Seite der Konrad-Adenauer-Alle stehen die Hochöfen 5 und 6. Zwei begehbare rostige Riesen, die es auf dem Immobilienmarkt nicht einfacher haben als ihr dicker grüner Nachbar. Wer die Hochofenanlage kaufen will, muss überzeugende Ideen liefern. Bisher hat noch kein Investor mit überzeugenden Ideen angeklopft. Gasometer und Hochöfen sind die Ladenhüter in der Landschaft. Bei anderen Gebäuden ist Pascal Ledune optimistischer: Für das mächtige Schalthaus 101 oder die Gasgebläsehalle werde es Investoren geben, die gut in die Landschaft passten.

Dortmunder „Mach-fertig“-Mentalität

Lange seien unter Denkmalschutz stehende Gebäude nicht gern genommen worden. Pascal Ledune: „Sie waren zu kompliziert und zu teuer.“ Jetzt sei auf dem Dortmunder Markt eine positive Nachfrage-Dynamik zu spüren. Die Stadt entwickele sich anders, sogar besser, als die ebenfalls vom Strukturwandel geprägten Ruhrgebiets-Nachbarn. Das liege an der Dortmunder „Mach fertig“-Mentalität. Wie vor über drei Jahrzehnten. Pascal Ledune erinnert sich: „Vor 31 Jahren haben wir die letzte Dortmunder Zeche geschlossen. Und vor 30 Jahren haben wir das Technologiezentrum an der Universität gegründet.“ Die Pessimisten von damals sind von Fakten widerlegt worden.

Nicht alle Dortmunder würdigten diese „Mach-fertig“-Mentalität mit Begeisterung. Nach der Demontage des Stahlwerks Phoenix-Ost mopperten ehemalige Stahlarbeiter herum: „Das schaffen die nie“, fluchten sie auf den Aussichtspunkten über der Phoenix-See-Baustelle und verspotteten das an einer Mondlandschaft erinnernde Millionen-Projekt als „Baggerfahrerausbildungsprojekt“.

Der Spott ist verraucht

Der Spott ist verraucht und ebenso unsichtbar wie die gesprengte Hörder Fackel. Der Phoenix-See ist Firmensitz, Wohnquartier, Freizeit- und Wassersportareal und Gastronomiestandort. Der Eisvogel wurde schon gesehen. „Solche Projekte sind eigentlich nie Liebe auf den ersten Blick“, sagt Pascal Ledune. Der Dortmunder müsse sich erst daran gewöhnen.

Ursula Mehrfeld von der Stiftung für Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur verbindet Strukturwandel und Industrieanlagen zu einem Lebens- und Heimatgefühl der Menschen. Den Einfluss alter Anlagen beschreibt sie in diesem Video, das in der Kompressorenhalle der Kokerei Hansa in Huckarde entstanden ist:

„Kohle und Stahl waren die Schlüsselindustrien, um die Menschen überhaupt hier hinzuziehen“, sagt der Huckarder Gerhard Hendler, „die Industrie war die Grundlage, um eine Familie gründen zu können. Das gilt auch für Huckarde. Die Zeche Hansa und die Kokerei Hansa haben diesen Stadtteil geprägt. Wir wissen, wo wir herkommen. Also wissen wir auch, wo wir hinwollen.“ Die Hansa-Anlagen hätten Huckarde über Jahrzehnte geprägt, seien eine Herzenssache geworden und wichtig auch für die nachrückenden Generationen. Mehr als 45 Vereine betreiben die schicke Alte Schmiede. Sie spiegele das Bedürfnis der Menschen nach Gemeinschaft.

Als Landmarke erinnere die Kokerei diese Menschen an ihre Lebensleistung für das Wirtschaftswunder und Wohlstand, wenn sie die Enkelkinder durch die Kokerei führen. Gerhard Hendler führt auch Schulklassen über die ausgemusterte Chemo-Anlage, auf der es noch „Glückauf“ heißt.

So haben Sie Phoenix-West, Kokerei Hansa und Co. noch nie gesehen

Gerhard Hendler am Tor der Kokerei Hansa. Der Huckarder führt Besucher durch die Anlage. © Peter Bandermann

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