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Ihr Gesicht ist zum Aushängeschild des Widerstands geworden: Seit 35 Jahren kämpft Ursula Wirtz in der Schutzgemeinschaft Fluglärm gegen den Flughafenausbau. Nun zieht sie den Schlussstrich.

Dortmund

, 22.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Ursula Wirtz (76) hat aussortiert und aufgeräumt in den vergangenen Wochen. Drei Kisten voller Akten hat sie bereits im Müll versenkt. Zeitungsberichte, Festschriften, Gutachten. „Was soll ich noch damit?“, fragt sie. Es ist ohnehin nichts vergeben, nichts vergessen. 35 Jahre Widerstand gegen den Flughafenausbau haben Platz genommen; in Schränken und in Köpfen.

Auf dem Wohnzimmertisch des Wickeder Reihenhauses von Ursula und Werner Wirtz (82) liegt eine Broschüre. 82 Seiten, eine Dokumentation im Zeitraffer. Karikaturen, Texte, Fotos. Demonstrationen der Schutzgemeinschaft im und vor dem Rathaus. Bagger, die Häuser abreißen. Und eine Ursula Wirtz in jungen Jahren, wie sie dem damaligen Oberbürgermeister Günter Samtlebe 10.000 Unterschriften überreicht, im März 1993. Darunter sein Kommentar: „Ich weiß, wie solche Unterschriften zustande kommen und ich weiß, was ich davon zu halten habe.“ Mehr steht da nicht. Es sind Bilder und Zitate, die für sich sprechen sollen.

Sie hat viele solcher Erinnerungen. Sie werden bleiben, wenn Ursula Wirtz bei der nächsten öffentlichen Jahreshauptversammlung der Schutzgemeinschaft nach 29 Jahren an der Spitze der Initiative den Vorsitz niederlegt. Am 9. Mai wird es soweit sein, im Melanchthon-Gemeindehaus an der Kleiststraße 8 in Unna-Massen. Wehmut? „Nein“, sagt sie entschieden. Wie es in ihrem Innersten aussieht, wenn der Tag erst gekommen ist, darauf möchte sie freilich keine Garantie geben.

Ursula Wirtz kämpfte 35 Jahre gegen den Flughafenausbau: Jetzt nimmt sie ihren Abschied

Immer wieder war es im Zusammenspiel mit den Grünen gelungen, Demonstrationen gegen den nächsten Ausbauschritt auf die Beine zu stellen. © Schaper

Der Blick durch das Wohnzimmerfenster fällt in den Garten. Hochgewachsene Eiben trennen das Grundstück vom Nachbarn. Dort, wo mal ein Teich geplant war, haben Ursula und Werner Wirtz ein Hochbeet angelegt. Das Vogelhäuschen haben sie in den Keller gestellt. Im Oktober wollen sie es wieder herausholen. Das Leben könnte ein stiller ruhiger Fluss sein, abseits der großen gesellschaftlichen Ströme.

Ursula Wirtz ärgert sich. Jahrelang hat sie ein Zeitungsfoto aufbewahrt. Es zeigt den damaligen Planungsdezernenten Ullrich Sierau. Er hält ein Lebkuchenherz hoch mit der Aufschrift „Dortmund für null CO2.“ Sie wollte ihm das Foto immer überreichen. Nun ist es verschwunden. Sie weiß nicht, wohin.

Schräge Töne im Konzert der Großen

Ursula Wirtz hat es immer gemocht, den Entscheidungsträgern und Verantwortlichen kleine Spitzen zu verpassen. Schließlich seien sie es doch gewesen, die all die Jahre Foul gespielt hätten mit „ihrer Salamitaktik.“ Die Zeit nach einem Ausbau sei immer nur die Zeit vor dem nächsten Ausbau gewesen. Immerhin, sagt sie, sei vieles in den vergangenen Jahren ein wenig transparenter geworden. Flughafen und Flugverkehr, das bleibt ihr Credo, schadeten der Umwelt und den Menschen in der Einflugschneise. Grundstücke und Immobilien würden entwertet. Es sei der Standort, der einer maßvollen Entwicklung des Airports im Wege stehe.

Ursula Wirtz kämpfte 35 Jahre gegen den Flughafenausbau: Jetzt nimmt sie ihren Abschied

Fluglärm macht krank, argumentieren die Ausbaugegner. Größere Maschinen haben leisere Motoren und verursachen längst keinen Geräuschpegel mehr wie vor Jahren, kontert der Flughafen. © Schaper

Dass sie als „einfache Bürgerin“ solch engen Kontakt zu den Mächtigen der Stadt bekommen und von ihnen im Laufe der Zeit zumindest akzeptiert werden würde – all das ist nicht unbedingt vorauszusehen, als sie und Ehemann Werner, damals Mitarbeiter bei Uhde, sich an einem frühen Abend Anfang der 80er-Jahre zu einer Bürgerversammlung im Schulzentrum Asseln aufmachen.

Die Einladung klingt harmlos. Die Stadt will den Flächennutzplan ändern. Die Start- und Landebahn ist gerade betoniert und 850 Meter lang. Doch als er die Pläne an der Wand sieht, fragt Werner Wirtz, warum denn darauf der Bockumweg eingezogen sei? Schnell wird klar: Es geht um den Ausbau des Flughafens. Höchste Alarmstufe für die 1974 gegründete Schutzgemeinschaft Fluglärm. Rund 1.600 Mitglieder wird sie in ihrer Hochzeit zählen. Rund 1200 sind es zurzeit.

1984 tritt Ursula Wirtz ein und wird als Kassenprüferin den Vorstand gewählt. Sechs Jahre später votieren die Mitglieder sie an Spitze. Ursula Wirtz macht, was man heutzutage modern als „netzwerken“ bezeichnet: Sie knüpft Kontakte zu Flughafen-Gegnern aus anderen Teilen Deutschlands und saugt sich mit Wissen voll. Arbeitet sich durch Berge von Gutachten, organisiert Unterschriftenlisten, telefoniert, tippt und schreibt. Sie will mithalten mit den Entscheidungsträgern und sich auf keinen Fall für ahnungslos verkaufen lassen. Kompetenz, aber keine maßlosen Übertreibungen, das ist ihr Credo, um sich Respekt zu verschaffen und einige schräge Töne im Konzert der Großen zu platzieren. Es geht nicht immer freundlich ab im Streit um den Flughafenausbau, beide Seiten schenken sich wenig.

Verhindert wurde der Ausbau nicht

So ist die Wickeder Bürgerin Ursula Wirtz im Laufe der Jahre bis an die Tore der Macht geraten und der Flughafen zu einer Art Lebensaufgabe geworden. Im März 1997 stehen sie vor NRW-Ministerpräsident Rau, der Wirtz und ihren Mitstreitern warme Worte schenkt, sich ansonsten aber „zu laufenden Verfahren nicht äußern“ möchte. Zur Jahrtausendwende ist die Startbahn auf 2000 Meter ausgebaut. Die Sonne sticht ins Wohnzimmer, das Telefon klingelt. „Möchten Sie noch Kaffee?“

Ursula Wirtz kämpfte 35 Jahre gegen den Flughafenausbau: Jetzt nimmt sie ihren Abschied

Kommt wieder eine? Manchmal kann Ursula Wirtz vom Garten aus den Weg der überfliegenden Maschinen verfolgen. © Schaper

Hat sie nicht vorausgesagt, dass es bald eine neue Diskussion um die Verlängerung der Landebahn geben wird, dann von 2000 auf 2300 Meter? Verhindern wird die Schutzgemeinschaft auch diesen Ausbauschritt wohl nicht. Das ahnt Ursula Wirtz. So, wie die Schutzgemeinschaft trotz allen Engagements den Ausbau auch in vier Jahrzehnten nicht wirklich stoppen konnte. Und hat die Münsteraner Bezirksregierung dem Flughafen nicht zuletzt erlaubt, seinen Betrieb bis in die späten Abendstunden zu erweitern – wenn auch nicht in dem Umfang, wie es sich der Airport gewünscht hat? Hat die EU das „Beihilfe-Verfahren“ gegen den Flughafen nicht längst abgeschlossen und es im Prinzip sogar noch bestätigt? Und was würde sie den fast 2,3 Millionen Passagieren entgegenhalten, die 2018 von Dortmund aus geflogen sind?

"Wir waren der Bremsklotz"

Von solchen Fragen lässt sich Ursula Wirtz nicht aus der Fassung bringen. Der Flughafen habe doch alles versucht. Erst seien es die Geschäftsflieger gewesen. Dann die Billigflieger wie easyJet und Co, an denen ohnehin kaum ein Airport vernünftig verdiene. „Die Preise decken die Kosten nicht“, sagt Ursula Wirtz. „Es geht nur über die Masse.“ Fliegen, findet sie, sei zu billig, und das nicht erst seit gestern. Ohne das Engagement der Schutzgemeinschaft, die den Verantwortlichen über Jahrzehnte auf die Finger geklopft hat, da ist sie sicher, hätte Dortmund einen größeren Airport. „Wir waren der Bremsklotz.“

Ursula Wirtz kämpfte 35 Jahre gegen den Flughafenausbau: Jetzt nimmt sie ihren Abschied

Unterschriftenlisten und Demonstrationen waren für die Schutzgemeinschaft zwei Instrumente, um die Bürger zu sensibilisieren. © Schaper

Ursula Wirtz hat Flughafen-Chefs kommen und gehen sehen. Nun nimmt sie selber Abschied und legt die Geschicke der Schutzgemeinschaft in die Hände der Mitglieder, die einen neuen Vorstand wählen. Es wird aller Voraussicht nach Mario Krüger werden, der frühere Grünen-Fraktionschef im Rat der Stadt. Kontakt haben sie seit Langem. Ursula Wirtz sagt, die Personalie Krüger erleichtere ihr den Schritt. Natürlich wird sie der Initiative treu bleiben, als „einfaches Mitglied“. „Mit dem Thema an sich habe ich ja nicht abgeschlossen.“ Wenn sie um Rat gebeten wird, will sie zur Stelle sein. Mehr aber auch nicht.

Wieder schellt das Telefon, wieder geht es um die Schutzgemeinschaft und den Flughafen. Noch ist es nicht vorbei.

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