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Im Tanzpalast Laufsteg wird seit 27 Jahren Disco-Fox getanzt - doch wie lange noch?

dzDortmunder Disko-Legenden

Der Tanzpalast Laufsteg ist bekannt für seine Schlager-Tanztees und Disco-Fox-Partys. Hier feierten schon Wolle Petry, Drafi Deutscher und Hulk Hogan. Doch hat die Disko noch eine Zukunft?

Dortmund

, 11.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Nur ein paar wenige Lampen tauchen den Saal in schummrige Rottöne. Die Spiegel an den Seiten und die vielen Kronleuchter werfen Lichtreflektionen zurück, lassen kleine Vierecke auf dem Boden tanzen. Am Eingangsbereich scheinen ein paar verräterische Sonnenstrahlen durch.

Obwohl kein Zigarettenqualm in der Luft liegt, der Boden sauber und die Tanzfläche menschenleer ist, kann man sich vorstellen, wie hier nachts Besucher Disco-Fox zu Schlagerstars wie Andrea Berg oder Michael Wendler tanzen. Wie eine Frau einen prüfenden Blick in den Spiegel wirft, sich ihre Lippen rot nachzieht und ein Getränk an der Bar bestellt. Wie der Barman den Prosecco aus dem oberen Regal angelt. Doch gerade ist die Disko „Laufsteg“ bis auf eine Person leer.

Frank Jülich lässt sich auf einen der roten Barhocker fallen. „Dunkles Holz, englischer Stil, 70er Jahre“, kommentiert der 61-Jährige den pompösen Einrichtungsstil. Er nimmt einen tiefen Zigarettenzug. „Bis auf ein paar Modernisierungen sieht es hier so seit 27 Jahren aus“, sagt er.

Im Tanzpalast Laufsteg wird seit 27 Jahren Disco-Fox getanzt - doch wie lange noch?

„Bis auf ein paar Modernisierungen sieht es hier so seit 27 Jahren aus“, sagt Inhaber Frank Jülich (61). © Oliver Schaper

So lange gibt es den Laufsteg am Königswall fußläufig zum Hauptbahnhof, und genau so lange ist Frank Jülich der Geschäftsführer. Wegzudenken ist die Disko aus der Dortmunder Nachtszene nicht, auch wenn sie heutzutage nicht sehr populär bei jungen Menschen ist.

Der Laufsteg spezialisierte sich von Anfang an auf Tanztees, bei denen Besucher bereits ab 15 Uhr Disco-Fox und Foxtrott zu deutschen Schlagern tanzen können. WDR4-Musik. 40 Jahre und älter sei das Publikum an solchen Tagen. „Beliebteste Sonntagsparty im Ruhrgebiet mit Kaffee und Kuchen“, steht auf der Internetseite des Laufstegs.

Eine Disko für Nette und Normale

Alexandros Tallos alias DJ Alex hat mehr als 20 Jahre im Laufsteg aufgelegt. Seit zwei Jahren ist er nicht mehr als DJ tätig. Er weiß, wie schwierig es ist, sich ein Publikum aufzubauen – und dass sein ehemaliger Beruf immer leichter für Amateure wird: „Ich habe zig Schallplatten zuhause, die habe ich alle selbst bezahlt“, sagt er. Heutzutage könne sich hingegen jeder die Musik innerhalb von Sekunden illegal runterladen.

Hören Sie in den Soundtrack des Laufstegs rein:

Freitags und samstags werden aber auch viele Charts und Evergreens bis fünf Uhr morgens gespielt, da sei das Publikum auch meist etwas jünger.

„Wir sind keine Diskothek der Schönen und Reichen, sondern der Normalen und Netten“, sagt Frank Jülich. Die Besucher sollen sich hier abends wohlfühlen und andere Menschen kennenlernen. Trotzdem solle man hier natürlich nicht in Jogginghose und dreckigen Turnschuhen aufkreuzen. Stattdessen: angemessene, aber gerne auch extravagante Kleidung.

Im Tanzpalast Laufsteg wird seit 27 Jahren Disco-Fox getanzt - doch wie lange noch?

Die Frauen im Hintergrund schienen sich über die durchtrainierten Männerkörper zu freuen. Oder über die Tatsache, dass die beiden Herren nicht mehr lange so angezogen bleiben würden. © Oliver Schaper

Der Name Laufsteg ist in der Disko Programm. Vom Eingang führt ein beleuchteter Weg zur Tanzfläche. „Sehen und gesehen werden“ sei das Motto der Diskothek. Er wolle jedem vermitteln, dass der Lauftsteg besonders sei, so Frank Jülich.

Ein Laufsteg eben. Und in seinen Augen würden gerade Frauen diese Aufmerksamkeit hier genießen. Die Kommentare auf der Empfehlungsplattform Yelp sehen da etwas anders aus: „Man fühlt sich als Frau wirklich wie auf dem Laufsteg, oder besser gesagt, man fühlt sich wie auf dem Viehmarkt, wo die Metzger auf Fleischbeschau sind“, schreibt eine Besucherin. Der Laufsteg wird als „typischer Anbagger- und Abschleppschuppen“ beschrieben.

Frank Jülich hält dagegen: Die Diskothek hat seiner Meinung nach eine soziale Funktion: „Soll die Witwe etwa zu Hause sitzen bleiben und gar nicht mehr vor die Tür gehen?“, fragt er. „Wir sind Seelenklempner und Animateur in einem.“

„Tanzen ist gut für die Seele“

Damit die Partygänger sich gegenseitig kennenlernen können, seien die Lautsprecher auch nur auf die Tanzfläche gerichtet. „Um die Kommunikation zu fördern“, sagt Jülich. Dann könne man auch an der Bar ein Gespräch führen, bei dem man sich nicht gegenseitig anschreien muss.

In den Großraumdiskos lerne man heutzutage keinen mehr kennen, „das finde ich unpersönlich“, sagt Jülich. Er stehe an allen vier Abenden in der Woche am Eingang und begrüße die Besucher persönlich. Nicht Oldschool, meint der 61-Jährige. Einfach persönlicher.

„Tanzen ist gut für die Seele“, sagt er noch. Ob er selbst auch tanze? „Das habe ich mir abgewöhnt. Sonst würde ich ja die ganze Nacht durchtanzen.“ Mit dem Geschäftsführer wolle schließlich jeder mal einen flotten Disco-Fox aufs Parkett legen.

Im Tanzpalast Laufsteg wird seit 27 Jahren Disco-Fox getanzt - doch wie lange noch?

Seit 27 Jahren können Besucher vier Mal in der Woche zu Schlagermusik tanzen. © Knut Vahlensieck (Archiv)

Neben dem Unpersönlichen habe sich in den 27 Jahren Einiges verändert, das Geschäft sei härter geworden. Zumindest in Frank Jülichs Augen. „Das Ausgehverhalten der Menschen ändert sich, sie sind nicht mehr so tanzbegeistert.“ Dadurch fehle der Nachwuchs. Und: „Früher sprachen sich die Partys über Mund-zu-Mund-Propaganda herum, heute braucht es große Ankündigungen“, sagt er.

Das Laufsteg ist eine Nischen-Disko

Dazu komme die Computergeneration, die alles von zuhause aus erledige: Essen bestellen, Dates kennenlernen oder zu Musik von YouTube abtanzen. Da stehe die Disko nicht mehr ganz oben auf der Liste. Frank Jülich kennt das alles, er ist kein Opa, der die jungen Leute nicht versteht. „Ich seh doch nicht aus wie 61, oder?“, fragt er, kein „Doch“ akzeptierend.

Er muss mit Diskos wie Nightrooms und Oma Doris, ebenfalls ein Tanzcafé, mithalten. Er muss die Trends erfassen, muss wissen, was die Leute wollen. Das Wichtigste, um zu überleben: die eigene Nische finden, sagt er.

Und der Laufsteg hat seine eigene Nische gefunden. Denn die Disko habe viele Stammgäste, die immer am gleichen Tisch sitzen, an der gleichen Stelle an der Bar stehen wollen. „Diese Treue, die unsere Gäste uns entgegenbringen … die ist einfach unglaublich“, sagt der Geschäftsführer.

Im Tanzpalast Laufsteg wird seit 27 Jahren Disco-Fox getanzt - doch wie lange noch?

In den 90er Jahren fanden im Laufsteg auch Miss-Wahlen statt. © Oliver Schaper

In seinem Büro über der Tanzfläche hat Frank Jülich eine Fotocollage hängen. Mit den ganzen Stars, die hier seit der Eröffnung 1991 gefeiert haben: Jürgen Drews, Marianne Rosenberg, Wolfgang Petry, Drafi Deutscher, Hulk Hogan… Aber auch jüngere Stars wie Kevin Großkreutz würden hier des öfteren zur Schlagermusik „abfeiern“.

Die besten Zeiten sind leider vorbei

Als Marianne Rosenberg im Laufsteg auftrat, habe die Polizei den gesamten Busbahnhof absperren müssen. „Es waren Hunderte Fans da, und natürlich konnten wir nicht alle rein lassen“, sagt der 61-Jährige. Bei Hulk Hogan, dem US-amerikanischer Wrestler, sei hingegen der Getränkeservice im Laufsteg zusammengebrochen. Der Grund: „Unsere Thekenmädels waren von dem Wrestler ziemlich abgelenkt.“

Frank Jülich schließt kurz die Augen, als ob er einen Film auf seiner inneren Leinwand abspielen würde. „Die beste Zeit, die war 2002, 2003. Da hatten wir die höchsten Umsätze und die meisten Gäste“, erinnert sich Jülich. Diese Zeiten seien leider vorbei.

Laufsteg-Chef will bald in Ruhestand gehen

Zwar mache „so ein Laufsteg“ nicht allzu viel Arbeit. Trotzdem wolle er bald in den Ruhestand gehen, langsam sei es ja auch mal Zeit dafür. Deswegen suche er einen geeigneten Nachfolger. „Der soll die Tradition in unserem Sinne weiterführen“, sagt Frank Jülich. Der solle modern sein, oder ein besonderes Partyprojekt verfolgen. „Vielleicht auch sowas wie ein Burlesque-Show.“

Wie auch immer der Laufsteg später aussehen wird – hoffentlich steht der zukünftige Besitzer auch jeden Abend am Eingang, begrüßt die Gäste und lässt jeden einzelnen sich besonders fühlen.

Wer Interesse hat, die Tradition des Laufstegs weiterzuführen, kann sich unter Tel. 0231/162797 melden.
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