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Das Ensemble Labsa an der Langen Straße: Der Ort ist ein Schmelztiegel, an dem Kunst und Utopie zusammen kommen – aber vor allem Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen.

DORTMUND

, 05.08.2018 / Lesedauer: 7 min

Es ist eine besondere Atmosphäre, die einen umschließt, wenn man den Tomorrow Club Kiosk betritt. Das diffuse und zugleich vertraute Gefühl, vielleicht nicht zum ersten Mal hier zu sein. Keiner der Menschen fragt nach dem Namen, der Herkunft oder einer potenziellen Absicht, mit der man hergekommen sein könnte. Es kommt auch niemand mit der ausgestreckten Hand angelaufen und stellt sich vor. Sie fragen stattdessen, ob man Sekt möchte oder O-Saft und ob man mal kurz helfen kann, die fahrbare Mini-Küche an einer Seite hochzubocken. Per Du.

Es ist ein warmes Juli-Wochenende, und auf der Langen Straße stehen bunte Sessel auf dem Bürgersteig. Auf einem Biertisch liegen haufenweise Wassermelonen-Stücke auf einem Tablett, Leute sitzen daneben auf Bänken und unterhalten sich. Und erst nach einiger Zeit wird einem bewusst, dass dieser Freundeskreis gar kein Freundeskreis im eigentlichen Sinne ist: Die Party ist eine Feier für alle, die vorbei kommen.

Klar, manche gehören zum Transnationalen Ensemble Labsa, das hier das dritte Tomorrow-Club-Festival veranstaltet: eine Gruppe von Künstlern und jungen Menschen, die projektweise Theater, Musiktheater, Filme und Performances konzipieren und aufführen. Aber etwa die Hälfte der Umstehenden hat sich vorher noch nie gesehen oder gesprochen. Wer kommt, ist da, und das reicht. Diese Einstellung ist, das erklärt die künstlerische Leiterin Emilia Hagelganz etwas später, zwischen Generalprobe und Eröffnungs-Inszenierung, die Grundlage der Ensemble-Arbeit. Jeder soll kommen und Teil der Gruppe werden können, ohne in irgendeine Schublade gesteckt zu werden. Denn mit Vorurteilen konfrontiert und unter stigmatisierenden Oberbegriffen zu Gruppen zusammengefasst zu werden, das sind die meisten der Projekt-Teilnehmer aus dem Alltag gewohnt - denn sie heißen „Flüchtlinge“ oder „Menschen mit Migrationshintergrund“.

Neue Ausrichtung seit 2015

„Das Ensemble gibt es eigentlich schon seit zehn Jahren“, sagt Hagelganz. Die 37-jährige Sozial- und Theaterpädagogin und Schauspielerin begann 2008 mit einer kleinen Gruppe von Darstellern erste Performances. Auch in diesen ersten Projekten war Migration und Gesellschaft zwar ein Thema, „doch in dieser Form, mit diesem konkreten Schwerpunkt, arbeiten wir erst seit 2015.“ Was das besagte Jahr deutschlandweit zu einem besonderen machte, ist auch hier der Ausschlaggeber gewesen: „Es gab diesen Medienhype um das Thema Migration nach Europa“, sagt Hagelganz. „Es gab so viele Bilder von Menschen in Booten auf dem Meer, und bei uns stellte sich ein totales Ohnmachtsgefühl ein.“ Es entstand der Wunsch, „etwas mit dem Thema zu machen“ – wie genau, das stand da noch nicht fest.

Bisher trat das Ensemble aus ausgebildeten Schauspielern, Musikern und Performern im „öffentlichen Raum“ auf, bei Festivals wie dem Internationalen Frauenfilmfestival (IFFF) oder der „E-Culture Fair 2010“ am U. Zusammen mit dem polnischen Theater Węgajty veranstalteten sie eine Konferenz zum Thema Theater, Alter und Behinderung, realisierten mit „Echo und Narzissen“ eine multimediale Oper und veranstalteten ein internationales Picknick im gARTen in der Nordstadt. Irgendwie, das sagt Hagelganz nach einigem Überlegen, habe der thematische Schwerpunkt immer schon in diesem Bereich gelegen: wie Gesellschaft entsteht, wie sie sich verändert, wie darauf reagiert wird und reagiert werden kann.

„Total beeindruckt mit ihrer Energie“

In der ersten Auseinandersetzung mit dem Thema Flucht sollte es um Lampedusa gehen. Doch der erste Anlauf scheiterte: „Wir waren irgendwann an einem Punkt, an dem es nicht weiterging“, sagt Hagelganz. „Etwas hat nicht gestimmt. Wir haben gemerkt: Wir sind nicht die Richtigen, um das zu erzählen.“ Oder anders: „Was wir dazu zu sagen haben, ist nicht relevant. Das merkt man irgendwann.“ Eine Schauspielerin aus dem Ensemble stellte daraufhin den Kontakt her zu Schulklassen, in die auch Jugendliche mit Fluchthintergrund gingen. Zusammen machten sie einen Workshop zu dem Thema – sie improvisierten, ließen auf sich zukommen, was entstand. „Das waren Menschen, die uns total beeindruckt haben mit ihrer Energie“, sagt Hagelganz. „Menschen, die Dinge erzählten, die viel spannender sind als das, was wir erzählen können.“

Das Projekt sprach sich herum, es meldeten sich immer mehr junge Leute, die mitmachen wollten. Am Ende entstand nicht nur ein Theaterstück, sondern ein irgendwie neues Ensemble Labsa – zwar mit den künstlerischen Leitern von vorher, jedoch mit neuem, charakteristischem Konzept. Es sei allen „klar gewesen“, sagt Hagelganz, „dass wir so weitermachen wollen“: als „eine Art dritter Raum“, in dem Menschen mit verschiedenen Hintergründen miteinander Kunst machen. Das Ensemble Labsa versteht sich seitdem als ein für Professionelle und Laien geöffnetes Ensemble, das – wie es auf der Webseite heißt – die „Offenheit für das Anderssein“ in den Mittelpunkt rückt. In der wöchentlichen Probenarbeit und den sporadisch stattfindenden Workshop-Angeboten geht es den Mitgliedern um „die Bereitschaft des uneingeschränkten Voneinander-Lernens“ und um die „Akzeptanz der Unsicherheit“.

Der Rhythmus ist organischer

Vor dem ehemaligen Kiosk ist es mittlerweile richtig voll geworden. Das hatte ein bisschen gedauert: Um 17 Uhr, als das Festival mit einem Kammerstück des Ensembles beginnen sollte, war außer den Mitgliedern und wenigen verstreuten Sekt-Trinkern noch niemand da. Also schmiss man den Herd an und kochte ein bisschen Kaffee mit aufgeschäumter Milch, drinnen dehnten die Darsteller ihr Aufwärmprogramm etwas aus. Erst wenn genug Menschen da sind, sollte es losgehen. Wie in einer afrikanischen Hauptstadt: Der Shuttlebus zum Flughafen fährt dann, wenn er voll ist. Und wenn es eine Stunde dauert. Auch beim Ensemble Labsa ist der Rhythmus ein anderer. Organischer. Zeit ist hier keine Ressource, die man möglichst gewinnbringend nutzen muss, sie ist nichts Objektives, sondern allenfalls ein grober Richtwert für die persönliche Tagesgestaltung. „Wir kennen das, auch in den Proben wurde es erst nach einer Stunde so richtig voll“, sagt Hagelganz. „Aber das haben wir hier gelernt, in der Arbeit mit den Jugendlichen: nicht eng zu werden, nichts durchzudrücken.“

Jedes Jahr realisiert das Ensemble mit seinem „harten Kern“ aus mittlerweile zehn bis zwölf jungen Darstellern eine Theaterproduktion, dazu aber auch Filme und Kurzfilme. 2015 erzählten die Teilnehmer in Trickfilmen von ihren Wünschen („Wovon träumen wir … Nachts?“) und beschäftigten sich vergangenes Jahr in dem Musiktheaterprojekt „Place To Be: Shared“ mit dem Thema „neue und alte Heimat“. 2016 fragten sie in „Sugar Snap Paradise“, was eigentlich persönliches Glück bedeutet. Für dieses Jahr sind noch zwei Projekte geplant: „l’Imperieur“ nach dem Roman „König der Könige: Eine Parabel der Macht“ von Ryszard Kapuscinski, und „My heritage“, dessen Grundlage DNA-Tests der Teilnehmer sind.

„Verletzend und stigmatisierend“

Nach und nach begannen die Teilnehmer auch eigene Texte zu schreiben, die dann umgesetzt wurden. „Uns war es von Anfang an wichtig, kein Sozialprojekt zu werden, sondern künstlerisch mit den Teilnehmern zu arbeiten“, sagt Hagelganz. „Hier ist niemand Stellvertreter für eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe, sondern einfach ein Mensch mit seinen individuellen Fähigkeiten.“ Die Begriffe „Flüchtling“, „Flucht“ und „Migration“ versuchen die Leiter und Mitglieder des Ensembles bewusst zu vermeiden. „Das begegnet den Leuten ohnehin jeden Tag auf der Straße“, sagt Hagelganz. „Das ist verletzend und stigmatisierend. Man vergisst dadurch, dass das ganz normale Jugendliche sind.“

Mit dem Tomorrow Club Kiosk an der Langen Straße hat das Ensemble seit einem Jahr eine feste Residenz. Die braucht es auch, damit kontinuierlich und stressfrei gearbeitet werden kann. Eine „halbe Lösung“ wie noch kurz vor der Eröffnung des Kiosks wäre auf Dauer unbefriedigend: als Gäste auf der Probenbühne im Theater im Depot fehlte das Gefühl, „ein Zuhause“ zu haben. Denn nach und nach waren die Ensemblemitglieder und die Teilnehmer zu einer vertrauten Gemeinschaft zusammengewachsen, die über das Theaterspielen hinausging. „Nach den Proben gehörte es irgendwann dazu, dass immer irgendwer einen Brief oder einen Bescheid dabei hatte, den zu verstehen wir dann geholfen haben“, sagt Hagelganz.

Menschen, die einfach verschwinden

Einige der jungen Künstler haben nach wie vor keine sichere Bleibeperspektive – und es kann jederzeit passieren, dass einer von ihnen abgeschoben wird. „Zweimal ist es bisher schon passiert, dass Leute sogar einfach verschwunden sind“, sagt Hagelganz. Ein Jugendlicher, ein „wahnsinnig begabter Musiker“, wurde abgeschoben: die Polizei holte ihn in der Nacht ab und setzte ihn in ein Flugzeug Richtung Kosovo.

Ein anderer machte sich auf eigene Faust weiter auf den Weg, weil er die Perspektivlosigkeit nicht mehr aushielt. Er sagte niemandem Bescheid – wohl aus Vorsicht. „Wir haben uns hier riesige Sorgen gemacht, er war minderjährig“, sagt Hagelganz. „Es sucht ja auch niemand nach solchen Jugendlichen. Da gibt es keine Hundertschaften, die rausgeschickt werden, oder Hubschrauber. Man ist mit so einem Verlust und seiner Sorge völlig allein.“ Das Ensemble verarbeitete das Erlebte in einem Kurzfilm – „und einen Tag vor der Premiere meldete er sich plötzlich.“ Als hätte er es gewusst.

Familiäre Verbindung der Darsteller

Klar, sagt Hagenganz, die Grenzen seien fließend zwischen künstlerischer Zusammenarbeit und einer daraus entstehenden, darüber hinausgehenden persönlichen Verantwortung füreinander. Eine solche Verquickung zu leugnen wäre aber auch irreal – auch für jedes andere künstlerische Ensemble. Man kann aber besonders in diesem Fall nicht ignorieren, dass sich die persönliche, beinahe familiäre Verbindung der Darsteller zueinander auch künstlerisch auswirkt. Bei den Auftritten liegt eine besondere Energie im Raum: Die Darsteller auf der Bühne sprechen wenig, und wenn, in verschiedenen Sprachen – dabei aber trotzdem so, dass man als Zuschauer alles versteht.

Das Ensemble hat die Möglichkeiten der para- und nonverbalen Kommunikation perfektioniert, und das ist berührend und erschütternd und manchmal wahnsinnig witzig. Das Theater wirkt hier über die Bühne hinaus. Das ist auch ein wesentlicher Grund dafür, dass man beim ersten Betreten des Kiosks an der Langen Straße dieses besondere Gefühl hat. Nämlich mit den Menschen dort irgendwie vertraut zu sein.

LABSA steh für „Labor für sensorische Annehmlichkeiten“. Labsa finanziert sich als gemeinnütziger Verein durch Spenden und Projektmittel verschiedener Förderer, darunter GrünBau, LWL, ecce, Interkultur Ruhr und die LAG. Im Tomorrow Club Kiosk wird jeden Mittwoch um 18.30 Uhr geprobt. Sonst finden dort immer mal wieder Veranstaltungen statt. Aktuelle Infos unter www.labsa.de
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