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Dieser Dortmunder (54) führt ein Leben komplett ohne Geld

dzÜberlebenskünstler

Christian Waldau ist nicht obdachlos, führt aber ein Leben ohne Geld. Der Dortmunder lehnt die Konsum- und Leistungsgesellschaft ab – und sagt: „Das Sozialsystem ist ein Betrugssystem.“

Dortmund

, 16.05.2019 / Lesedauer: 6 min

Wollen Sie einen Kaffee? Der ist gut hier!“, empfängt Christian Waldau einen mit dem Gestus des Gastgebers. Mehrere Dutzend Menschen sitzen im Essensraum der Obdachlosen-Initiative „Gast-Haus statt Bank“ an langen weißen Tischen und warten auf die Essensausgabe. Es ist eng, in der Ecke läuft ein Fernseher, es fällt schwer, sich zu unterhalten.

Man zögert, fühlt sich unwohl: Schließlich ist man nicht bedürftig, will hier niemandem etwas wegnehmen. Waldau lächelt freundlich, als würde er den Gedanken erraten, und sagt: „Keine Sorge, es ist hier genug für alle da!“ Dann steht er auf und besorgt wie selbstverständlich eine Tasse.

„Ich finde mehr Lebensmittel, als ich essen kann“

Seit zwölf Jahren hat der 54-Jährige nach eigener Aussage kein Geld mehr für Nahrung ausgegeben. Waldau ist Stammgast im Gast-Haus im Unionviertel und in der Kana-Suppenküche in der Nordstadt: Mehrmals die Woche geht er dort kostenlos essen.

Außerdem „containert“ er, durchsucht also die Container von Supermärkten nach abgelaufenen, aber noch essbaren Lebensmitteln. Auch in normalen Abfalleimern gebe es gute Sachen zu entdecken, letztens waren es Schokoeier, vollkommen verschweißt, nur ein wenig eingedötscht. „Ich finde mehr Lebensmittel, als ich essen kann“, sagt er.

Kein Strom, kein Warmwasser, kein Konto

Der Dortmunder führt ein Leben ohne Geld: Waldau lebt in der Kirchhörder Wohnung seiner vor kurzem verstorbenen Mutter, die in den Jahren davor in einem Pflegeheim untergebracht war. Der Strom wurde ihm vor Jahren abgedreht, weil er die Rechnung nicht bezahlte. Auch Warmwasser hat er keines mehr, zweimal die Woche duscht Waldau deshalb bei der Diakonie. Er besitzt kein Girokonto und keine Krankenversicherung. Sozialleistungen hat er noch nie bekommen, sagt er. Seine Klamotten hat er vom Gast-Haus. Eine Kleiderspende.

Betrachtet man Waldau, scheint er ganz gut mit diesem Leben zurecht zu kommen: Das blau-weiß gestreifte Business-Hemd spannt über seinem wohlgenährten Bauch, die Wangen sind akkurat rasiert, die Frisur ist ordentlich. Er könnte auf den ersten Blick problemlos als Busfahrer kurz nach Dienstschluss durchgehen oder auch als altgedienter Lokaljournalist. Nur die rissigen Nagelbetten und die etwas ungepflegten Hände verraten, dass er weder das eine noch das andere ist.

Vater spielt bei den Philharmonikern, Mutter ist Bankierstochter

Es ist ein ungewöhnliches Leben für jemanden mit Christian Waldaus Familiengeschichte: Er wird 1965 in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Der Vater spielt 40 Jahre lang als städtischer Kammermusiker bei den Dortmunder Philharmonikern Geige, die Mutter ist Tochter eines Bankdirektors. Bildungsbürgertum.

Der junge Christian geht auf die höhere Handelsschule, macht seine Fachhochschulreife, danach eine dreijährige Ausbildung zum Bankkaufmann bei der Dresdner Bank. „Ich wollte Karriere machen“, erzählt er.

„Ich halte die ganzen Leute für verrückt“

1990 dann der erste Job bei einer Bank. Doch da hält er es nur einen Monat aus. Er muss acht Stunden am Tag Überweisungen eintippen. „Der ganze Trott war nichts für mich“, sagt er.

Sein erster Gehaltscheck gibt ihm den Rest: „Als ich gesehen habe, wie viel mir an Steuern und Versicherungen vom Gehalt abgezogen wurde, hab ich hingeschmissen. Das Sozialsystem ist ein einziges Betrugssystem!“, erzählt er. Waldau kündigt – und wird nie wieder arbeiten. „Ich halte die ganzen Leute für verrückt“, sagt er. Bei der ganzen Arbeit bleibe doch nichts vom Leben übrig. „Mein Vater hat 47 Jahre lang gebuckelt und war dann nach knapp sieben Jahren tot.“

Waldau nutzt diese Vorzüge der Gesellschaft, lehnt ihre Regeln aber ab

Eine Gesellschaft basiert darauf, dass sich die in ihr lebenden Menschen jeden Tag unbewusst neu dafür entscheiden, sich im Rahmen ihrer grundlegenden Regeln zu bewegen. Der öffentliche Nahverkehr funktioniert nur, weil die große Mehrzahl der Passagiere ein Ticket kauft. Viele soziale Einrichtungen existieren nur, weil die meisten Bürger ihre Steuern korrekt zahlen.

Waldau nutzt diese Vorzüge der Gesellschaft, lehnt ihre Regeln aber ab: „Es werden Milliarden verschwendet, die Bürokratie wächst immer weiter, da mache ich nicht mit.“

Es gibt eine Fabel aus dem 17. Jahrhundert, die von der Grille und der Ameise. Während die Grille den lieben langen Sommertag in einem Feld sitzt und singt, sammelt nicht weit entfernt von ihr die Ameise unermüdlich Futter. „Warum mühst du dich so?“, fragt die Grille die Ameise. „Überall um uns herum liegen, sprießen, kreuchen und fleuchen mehr leckere Speisen, als wir essen können.“

Aha-Erlebnis im mexikanischen Obdachlosenheim

Waldau führt das Leben der Grille. Dabei hilft ihm anfangs auch sein Erbe. Über die Jahrzehnte hat die Familie Waldau mehrere Immobilien gekauft. „Als mein Vater starb, war ich Millionär“, behauptet Waldau. Mitte der 1990er-Jahre geht Waldau auf Reisen. „Ich war in 43 Ländern“, sagt er. Er braucht nicht viel: Er übernachtet in Hostels, bei Bekannten, später macht er Couch-Surfing.

Sein Aha-Erlebnis hat Waldau 2006. Er trampt gerade durch Mittelamerika, nördlich von Mexiko-Stadt. Doch die Jugendherberge, die er sich ausgesucht hat, ist voll. Schließlich übernachtet er in einer Obdachlosen-Unterkunft – und ist überrascht: „Da gab es Essen in Massen“, erzählt er, die Begeisterung ist ihm heute noch anzumerken. Es ist die Initialzündung für die Idee, ein Leben komplett ohne Geld zu führen.

Dieser Dortmunder (54) führt ein Leben komplett ohne Geld

Christian Waldau gibt nach eigener Aussage seit zwölf Jahren kein Geld mehr für Nahrung aus. Stattdessen ist er Stammgast bei Einrichtungen wie dem Gast-Haus. © Thomas Thiel

Über Monate zieht Waldau anschließend durch Mittel- und Nordamerika: Belize, Mexiko, USA, Kanada. Er hangelt sich von einer Obdachlosen-Unterkunft zur nächsten. „In Charleston in Virginia aß ich zum ersten Mal Hummer, echt nur vom Feinsten, alles Spenden von Walmart.“ Die Reise endete laut Waldau, als er aus Kanada abgeschoben wird, nach einem Monat in Abschiebehaft. Oder wie er es formuliert: „Ich bekam einen Gratis-Rückflug in die Heimat spendiert.“

Im Hier und Jetzt ist Waldau sehr gut organisiert: Er weiß genau, wann und wo es etwas gratis gibt. In seinem Kopf hat er eine Karte des kostenlosen Ruhrgebiets. „Wenn man Kontakte hat und Abläufe kennt, bekommt man alles gratis“, sagt er, egal ob es ein Schrank oder ein Fahrrad ist. Das gilt auch für sein Handy, ein bestimmt schon über 15 Jahre altes, völlig abgegriffenes Samsung. Dessen Pre-Paid-Karte ist zwar längst abgelaufen, aber er ist erreichbar zum Nulltarif.

Waldaus „Paradies“ ist der Rombergpark

Kostenlos ist auch sein „Paradies“, wie er den Rombergpark nennt. „Hier gehe ich hin, wenn mir Zuhause die Decke auf den Kopf fällt.“ Bis zu neun Stunden täglich verbringt er im Sommer im Park, meistens an zwei Parkbänken am großen Teich und an dem etwas kleineren Tümpel auf der anderen Seite der Schondelle. Dort füttert er die Vögel mit dem überschüssigen harten Brot, das er auf seinen Streifzügen findet oder das in sozialen Einrichtungen verteilt wird.

Während er die Brotkrumen verteilt, ist Waldau glücklich. Er hat den Tieren Namen gegeben, alle Kanadagänse heißen bei ihm „Lisa“, die Nilgänse „Charlie“, die Raben „Igor“. „Die Tiere sind meine Freunde, Menschen haben mich genug verarscht“, sagt er.

Freunde? Fehlanzeige.

In seinen Geschichten wird Waldau ständig von anderen Menschen betrogen, ignoriert und abgewiesen. Freunde habe er schon lange nicht mehr – zu unterschiedlich sei sein Leben von dem, das seine alten Weggefährten aus Schul- und Ausbildungszeiten führen: „Nie hat jemand Zeit.“ Und in den Obdachlosen-Unterkünften will er auch keine neuen Kontakte knüpfen: „Ich kann mit den Leuten nichts anfangen.“

Dabei sehnt sich Waldau wie jeder Mensch nach Gesellschaft. Auch ein Grund, warum er uns seine Geschichte erzählt, ist die Hoffnung, dadurch Gleichgesinnte zu finden.

Wegen unbezahlter Knöllchen ging es auch schonmal in den Knast

Bis dahin bekämpft Waldau seine Einsamkeit weiter mit ständigen Unternehmungen: Besonders umtriebig ist er in der Kultur-Szene. Er liebt es, auf kostenlose Konzerte, Lesungen oder Ausstellungen zu gehen. Dorthin kommt er entweder mit seinem Fahrrad oder mit Bus und Bahn. Er fährt schwarz, natürlich.

Erwischt wird er häufig, erzählt er: Bestimmt 200 Knöllchen habe er im Laufe der Jahre angesammelt. „Täglich kommen Mahnungen rein, da reagiere ich gar nicht mehr drauf! Mittlerweile habe ich zwei Leitz-Ordner damit voll.“ Gezahlt hat er noch nie – „womit auch?“ Mehrfach habe er deswegen auch mehrere Tage im Gefängnis verbracht.

Doch das macht Waldau nicht viel aus. Er glaubt an seine Art zu leben. Sich selbst sieht er auch als ökologischer Aktivist: „Es gibt in unserer Gesellschaft so viel Überfluss. Ich baue ihn ein wenig ab“, sagt er. „Ich habe kein schlechtes Gewissen dabei, ich nehme ja niemandem etwas weg.“

Nur wenige Euro Rente pro Monat

Die Fabel von der Grille und der Ameise endet damit, dass es schließlich Winter wird. Irgendwann gibt es nichts mehr zu essen, die Grille hat Hunger. Da kommt die Ameise vorbei. Sie ist auf dem Weg zu ihrem Nest, zu all dem im Sommer gebunkerten Essen. „Du aber hast die ganze Zeit gezirpt und gesungen“, sagt sie der Grille. „Jetzt bleibt Dir nur noch zu tanzen.“

Letztens bekam Waldau Post von der Rentenkasse. Es sei aufgefallen, dass seine zukünftige Rente nur ein paar Euro pro Monat betragen würde. Als Waldau von einem Bekannten aus dort anrief, sagte ihm die Sachbearbeiterin, dass es sich dabei doch sicher um einen Fehler handeln müsse, dass er doch bestimmt nur versäumt habe, in die Rentenversicherung einzuzahlen.

Waldau sagte ihr, dass das kein Fehler war.

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