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Der NSU-Prozess ist mit der Verurteilung Beate Zschäpes zum Ende gekommen. In Dortmund, wo Mehmet Kubasik ermordet worden ist, sind viele Fragen noch offen. Eine Spurensuche.

Dortmund

, 04.07.2018 / Lesedauer: 17 min

Vorwort

Diese Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund hat viele Anfänge. Das macht es schwer, sie zu erzählen.

Wenn man nicht weiß, wo man anfangen soll, wo soll man dann enden?

Vielleicht hilft es, sich klar zu machen, dass es keinen Anfang und kein Ende gibt. Alles fließt. Das kann generell erleichternd sein. Hier ist es die Hölle.

Zuallererst für die Opfer von rechter Gewalt und ihre Angehörigen. Für die Gesellschaft. Und für die Art und Weise, wie wir als Menschen miteinander umgehen.

In Dortmund starben seit dem Jahr 2000 mindestens fünf Menschen durch rechtsradikale Gewalt. Zuletzt wurde 2006 Mehmet Kubasik in seinem Kiosk vom NSU erschossen. Aktuell wird diese Mordserie in München verhandelt.

Was dort und anderswo bekannt wurde, sind bisher nur Fragmente eines hässlichen Puzzles. Ein Puzzle, von dem viele Teile fehlen.

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Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

© Zeichnung: Marko Nikuhn



„Stehenbleiben und draufhauen“

Karfreitag 1982. Der Tag wurde ausgewählt, weil Karfreitag „der Hund begraben ist“. Es soll sich ein „Eliteclub“ gründen.

„Elite“ steht extra fett ganz oben auf der Einladung. So, dass auch wirklich jeder versteht, um was es geht. Der geplante Club soll keine Satzung haben, es gilt nur ein Satz: „Stehenbleiben und draufhauen.“ Prügelelite.

Es wird offenbar höchste Zeit für eine solche Gründung. „Damit die Schalker und die Rheinlandschweine endlich einen vor die Fresse bekommen. DIE REDEN BALD NICHT MEHR VON DEN DORTMUNDER FEIGEN KINDERN UND LÄUFERN. UNSER RUF MUSS ENDLICH WIEDER AUFPOLIERT WERDEN!“ Die 29 Ausrufezeichen, die hier im Original den Großbuchstaben folgen, lesen sich wie ein Kommentar eines Wutbürgers im Internet. Aber es ist das Jahr 1982, das Internet braucht noch nicht einmal Windeln, so klein ist es damals. Man schreibt noch Briefe. Und diesen hier, damit man endlich wieder mit Stolz durch die Straßen ziehen kann.

Damit alle wieder wissen, wer die Herren sind im Land, wird für den Karfreitag 1982 um „17 Uhr MEZ“ in die Kneipe Kronenquelle in der Dortmunder Nordstadt geladen. In mangelhaftem Deutsch und mit kindlichen Oberarmzeichnungen. Die Auflage von 30 Exemplaren geht an ausgewählte Personen. Zwei (Marko und Uwe) sind entschuldigt. Einer (Uwe) ist in England, der andere (Marko) ist im Knast. Aber für alle anderen ist das hier, steht da auf dem Zettel, „der letzte Versuch, ENTGÜLTIG!“.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

© Zeichnung: Marko Nikuhn

Wer nicht kommen kann, aber trotzdem dabei sein will, muss sich eine halbe Stunde vorher telefonisch, die Festnetznummer der Kneipe ist angegeben, abmelden. Der Club sollte Borsig-Front heißen, vielleicht. Ein erster Vorschlag nur, er setzte sich nicht durch. Den Borsigplatz, na klar, den kennt man in Dortmund. Sind ja alle da geboren. Aber außerhalb? Aus der Borsig-Front wird dann die Borussenfront. Was aus zweierlei Gründen praktisch war: Borussia wie Dortmund, da ist der Fußball gleich mit drin. Und dann wird das mit Doppel-S geschrieben. SS. Groß und in Runenform. Da weiß man gleich, um was es geht.

Fußball.

Herrenmenschen.

Der Anführer der Schläger wird dann bald ein Siegfried Borchardt. Ein gewöhnlicher Name, der aber vor allem in den vermutlich Hunderten Ordnern und Akten und den Schreiben vom System genannt wird – in all den Dokumenten, die sich so ansammeln in einem Leben als gewaltverherrlichender, körperverletzender, rassistischer Krimineller. SS-Siggi heißt der Mann auf der Straße, auf der es 1982 um Stärke geht. Um vermeintliche Ehre. Inzwischen ist viel passiert, auch im Leben des Siggi, was man vielleicht schon an einem kleinen Detail sehen kann: Als sich das Landeskriminalamt 2012 dafür interessierte, wo Herr Borchardt, Siegfried, geboren am 14. November 1953 im Kreis Steinfurt, in seinen Dortmunder Jahren so gelebt hat, kamen acht Adressen dabei herum. Was heute schon wieder falsch ist, denn an der Adresse, an der er 2012 gemeldet war, lebt er heute nicht mehr. Eine Adresse an der Mallinckrodtstraße.

Mehmet Kubasik. Ein „überzeugter Deutscher“.

Mehmet Kubasik hat nie direkt an der Mallinckrodtstraße gewohnt. Gewohnt hat er eine Straßenecke weiter, in einem Mehrfamilienhausblock. An der Mallinckrodtstraße, einer vierspurigen, vielbefahrenen Achse, hat er gearbeitet. Damals, nach einem Schlaganfall, als er seinen alten Beruf aufgeben musste, von einem Spaziergang zurückkam und seiner Familie mitteilte, er werde jetzt einen Kiosk eröffnen. Er könne ja nicht nur herumsitzen.

Am Anfang lief das Geschäft schleppend an, aber Kubasik, so lesen sich alle Zeugenaussagen, war ein netter Kerl, in der Nachbarschaft beliebt. Eine Frau, drei Kinder, viele Freunde. Mehmet Kubasik mochte sein Leben in Dortmund. „Er war“, sollte seine Tochter später einmal sagen, „ein so überzeugter Deutscher.“

Heute liegt Kubasik schon seit über elf Jahren in türkischer Erde. Erschossen vom Nationalsozialistischen Untergrund am 4. April 2006 in seinem Kiosk an der Mallinckrodtstraße. Dort wurde er gegen 13 Uhr von einer Passantin entdeckt. Kubasik lag hinter der Theke, sein Kopf lehnte an einem Zigarettenregal, Blut tropfte auf den Boden. Zunächst sah es so aus, als wäre Kubasik gestürzt. Aber da war kein Puls mehr. Dann kam die Polizei. Dann kamen die Sanitäter. Sie versuchten mehrere Minuten lang, Kubasik zu reanimieren. Dann traf ein Notarzt im Kiosk ein. Er erklärte Mehmet Kubasik für tot.

Wer da geschossen hatte, sollte über fünf Jahre ungeklärt bleiben. Bis sich am 4. November 2011 zunächst zwei Männer, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, in einem Wohnmobil in Eisenach erschossen, nachdem sie nach einem Bankraub keine Fluchtmöglichkeit mehr gesehen hatten. Nachmittags brannte dann ein Haus in Zwickau, Beate Zschäpe soll es in Brand gesteckt haben. Vier Tage später stellte sie sich der Polizei in Jena. Zuvor verschickte sie 15 Bekennervideos, auf denen sich der NSU zu seinen Anschlägen und Morden bekannte. Mundlos, Bönhardt und Zschäpe gelten seitdem als das Kerntrio des NSU. Nur war in den Bekennervideos nie von einem Trio die Rede. In ihnen bezeichnet sich der NSU selber als ein „Netzwerk von Kameraden“.

Am vergangenen Dienstag und Mittwoch saßen Mehmet Kubasiks Witwe und seine Tochter einmal mehr im Münchner Gerichtssaal, ihre Anwälte hielten ihre Plädoyers. Familie Kubasik ist Nebenklägerin im Verfahren Bundesrepublik Deutschland gegen Beate Zschäpe. Der Mammut-Prozess gegen die einzige Überlebende des Kerntrios des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrundes biegt auf die Zielgerade ein.

Verhandelt wird gegen fünf Personen. Eine von ihnen steht im Zentrum: Beate Zschäpe.

Und wie das so ist in einer bilderbestimmten Welt, konzentriert sich das Land auf das, was Zschäpe macht und Zschäpe trägt, wie sich ihre Anwälte streiten, was sie im Gefängnis macht. Wie sie im Gerichtssaal guckt und natürlich auf das, was am Ende als Urteil verkündet werden wird. Doch wenn man den Fokus sehr stark auf ein bestimmtes Detail ausrichtet, kann man die Umgebung nicht mehr deutlich erkennen. Oder, mit Bertolt Brecht: „Denn die einen sind im Dunkeln und die andern sind im Licht und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht“. Die in Dortmund sah man auch nicht.

Die Saat der Borussenfront

Die Saat der Borussenfront hat in Dortmund viele braune Früchte getragen. Natürlich gab es auch vor 1982 Rechtsradikale in der Stadt und es gäbe sie auch ohne den „Eliteclub“ heute noch. Aber mit ihm gab es ein Sammelbecken für Fußballschläger und Rechtsextremisten. Was am Anfang überwog? Im Rückblick schwer zu sagen. Gesichert ist, dass der Club bereits nach kurzer Zeit Ausländer durch die Nordstadt gejagt hat.

Borchardt selber baute in den folgenden Jahren die rechtsextreme Kleinstpartei FAP mit auf. Wurde ihr Landesvorsitzender, dann stellvertretender Bundesvorsitzender. Die FAP wurde die damals wichtigste neonazistische Kaderorganisation Deutschlands. Auf FAP-Parteitagen wurde Hitler als historisches Vorbild gelobt und die Wiederherstellung der Grenzen von 1939 gefordert. Nach der Wiedervereinigung rekrutierte die FAP viele Jugendliche in den neuen Bundesländern. In Sachsen. In Thüringen, dem späteren NSU-Kerngebiet.

Man kann die FAP als Vergangenheit betrachten. 1995 wurde sie verboten. Doch spätestens in ihr legten sich Strukturen und Vernetzungen, die auch nach dem FAP-Verbot stabil blieben und teilweise bis heute Bestand haben. Die Szene war klein. Man kannte sich. Und einen stellvertretenden Bundesvorsitzenden Borchardt sowieso. Er war mittendrin, in diversen Komitees aktiv, hatte damit bereits Mitte der 90er-Jahre Kontakte auch nach Thüringen. Zu Personen, die später zu dem Thüringer Heimatschutz und damit dem engsten Unterstützerumfeld des NSU gehörten. Bei Borchardt selber stellte die Polizei Ende November 1992 einen Band „Improvisierte Sprengtechnik“ sicher – nichts weniger als eine Anleitung zum Bombenbau.

Nach dem bundesweiten Verbot der FAP bildete sich die Kameradschaft Dortmund, wobei der Name irreführend ist. Man muss sich diese Kameradschaft eher als einen inoffiziellen Dachverband der Dortmunder Rechtsradikalen vorstellen. Da gab es die Älteren von der Borussenfront. Es gab den Nachwuchs, sogenannte Autonome Nationalisten, die sich im Erscheinungsbild von den Skinheads, die es auch gab, unterschieden.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

Borchardt im Dortmunder Norden in Aktion: Während eines linken Konzertes auf dem Nordmarkt fährt er mit Gleichgesinnten dort vorbei und hebt den Arm aus dem Beifahrerfenster. © Foto: RN

Und es gab Menschen, die der Szene nahe standen. Wie den Rechtsradikalen Michael Berger. Er erschoss im Jahr 2000 drei Polizisten. Seine Morde wurden später als Taten eines psychisch kranken Einzeltäters dargestellt. An dieser Einschätzung hat sich von offizieller Seite bis heute nichts geändert. Ein anderer, der Teil der Szene war, hieß Marko Gottschalk.

Oidoxie, Gottschalk und die C18-Zelle

Als sich die Borussenfront gründete, war Gottschalk ein Kind, zehn Jahre alt. Als Mehmet Kubasik 2006 starb, war Gottschalk 34. Und eine der Führungsfiguren in der Dortmunder Neonaziszene und weit darüber hinaus. Gottschalk ist Sänger der Band Oidoxie. Die Band propagiert wie kaum eine andere Band das C18-Netzwerk. Combat 18 (C18) heißt übersetzt Kampfgruppe Adolf Hitler. Die Ziffern 1 und 8 stehen für den Platz der Buchstaben A und H im Alphabet. AH für Adolf Hitler. C18 ist der militante Arm des ursprünglich aus England stammenden rechtsradikalen Netzwerkes Blood&Honour (Blut & Ehre).

C18-Mitglieder verstehen sich als „politische Soldaten“ im „führerlosen Widerstand“: Einzeltäter oder kleine Gruppen sollen unabhängig von größeren Strukturen agieren. Wie zum Beispiel der NSU es tat.

Dass Gottschalk radikal ist, wissen die Sicherheitsbehörden schon lange. Nach einem Gespräch 1994 trauen ihm Vertreter der Militärischen Abschirmdienstes (MAD) zu, eine Führungsfigur der Rechtsradikalen zu sein oder zu werden.

Ob er es damals schon war? Unklar. Ob er es später wurde? Mit Sicherheit.

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Marko Gottschalk (rotes Shirt) bei einem Auftritt in Dortmund. © Foto: RN

Im Oktober 2005 erteilt der NRW-Verfassungsschutz (VS) einen Observationsauftrag zu Marko Gottschalk. VS-Quellen hatten in einem „Nur für den Dienstgebrauch“ eingestuften Papier über Gottschalks Quellen nach Belgien und England berichtet. Die Rechtsradikalen wollten laut Quellenlage eine „Kampftruppe, bestehend aus sieben Personen um Gottschalk“ ausbilden. Die Ausbildungen, Schießübungen etwa, sollten nach Konzerten von Oidoxie erfolgen, genannt werden ein Konzert in Russland und eins in Polen. Die sieben Personen um Gottschalk sind Mitglieder der „Oidoxie-Streetfighting-Crew“. Ein langer Name. Diese Crew bestand aus eingefleischten Fans der rechtsradikalen Band. Zunächst waren sie bei den Konzerten dabei, dann bildete sich aus dieser Gruppe eine Art Sicherheitsdienst für die Band. Viele Mitglieder dieser Crew stammten aus Dortmund. Und aus Kassel.

Das Detail mit dem Observationsauftrag ist insofern wichtig, weil damit klar wird: Der Verfassungsschutz NRW weiß vor dem Mord an Mehmet Kubasik, dass es in Dortmund neben einer manifesten rechten Szene in der Stadt auch eine bewaffnete Gruppe gibt, die den „führungslosen Widerstand“ propagiert. Und sich immer weiter radikalisiert.

Die Waffen in Dortmund

Die Waffen der Rechtsradikalen stammen offenbar zu einem größeren Teil aus Belgien. Sebastian Seemann, selbst ein V-Mann des Verfassungsschutzes, Drogenhändler und Mitglied in der C18-Truppe um Gottschalk, hat beste Kontakte dorthin und bot die Waffen damals relativ offen in der Szene an.

Aber auch in Dortmund selbst gibt es gute Quellen: Hier wohnt ein Mann, S., mehrfach vorbestraft, der sich als Schlosser und Waffennarr auf den Umbau von Schmuck- und Gaswaffen zu scharfen Waffen versteht. Anfang der 1990er-Jahre erschießt S. nach einem Streit in einer Kneipe einen Nordafrikaner. Dessen Begleiter, die fliehen, schießt er an. Das zuständige Landgericht verurteilte den Täter später wegen „fahrlässigen Vollrausch[es]“ zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren.

Geläutert ist er anschließend nicht: Anfang der 2000er-Jahre wird S. in einer Nachbarstadt erneut festgenommen. Es ging um einen geplanten Waffendeal.

Gehandelt werden sollten mehrere scharfe Waffen samt Munition. In der Wohnung von S. werden später „erhebliche Mengen an Waffen und Munition“ gefunden. Schriftlich wird bei der Polizei festgehalten, dass der Mann ein Waffenfreak ist. Die Beamten glauben, dass der Mann in der Vergangenheit viele Waffen umgebaut und verkauft hat. Das aber, so wird es notiert, gibt S. nur unter der Hand zu, nicht aber in der schriftlich festgehaltenen Vernehmung.

S., dessen Sohn Mitglied der C18-Kampftruppe um Gottschalk ist, wird dafür zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Und S., der in der Fremdenlegion war und Araber hasst und sie „Schwarzfüße“ nennt, ist ein guter Bekannter von Siegfried Borchardt. Sie saßen in den lezten Jahren gerne mal gemeinsam in einem Garten.

Waffengeschäfte, Gewalttaten, Radikale – die Entwicklungen sind bekannt: Der Verfassungsschutz weiß davon und observiert. Doch als Mehmet Kubasik im April 2006 erschossen wird, spielen all diese Erkenntnisse in der Ermittlungsarbeit zu dem Fall keine Rolle. Sie werden nicht weitergegeben. Die Mordkommission, die gebildet wird, hat, so stellt es sich heute dar, von all diesen Dingen nichts gewusst. Und so macht sie sich an die Arbeit.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

Eine Patronenhülse brachte die Ermittler darauf, dass der Mord an Mehmet Kubasik Teil einer Serie war. © Zeichnung: Marko Nikuhn


Richtiger Riecher und falsche Vermutungen

Auf der Kasse im Kiosk wird eine Patronenhülse gefunden. So wird schnell klar, dass Kubasik Opfer in einer Serie ist, in deren Fokus Kleinhändler stehen, die Wurzeln im Ausland haben. Die Hülse wird per Hubschrauber zum BKA geflogen. Die Dortmunder Ermittler konzentrieren sich auf Kubasik und seine Familie. Durchleuchten das Umfeld auf Mafia- oder PKK-Kontakte, auf Drogen und Glücksspiel. Sie finden nichts in dieser Richtung. Auch Verbindungen zu den anderen Opfern der Serie ergeben sich nicht. Dennoch hält die Polizei an diesem Ansatz fest, einen anderen sehen die Beamten nicht.

Da die Taten, Kubasik war das achte Opfer, in fünf Bundesländern geschehen sind, ermittelt inzwischen eine eigene BAO, eine „Besondere Aufbauorganisation“ der Polizei. Das hört sich mächtig an, aber die BAO Bosporus, so ihr Name, hat einen entscheidenden Nachteil. Die BAO arbeitet konsensual, was sich freundlich anhört. Man kann es auch anders ausdrücken und sagen, dass jede Staatsanwaltschaft und jede Ermittlungsbehörde macht, was sie will, weil niemand da ist, der die Richtung vorgibt.

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Der einstige Tatort in Kassel. In diesem Ladenlokal starb am 6. April 2006 Halil Yozgat. © Foto: dpa

Zwei Tage nach dem Mord in Dortmund wird am 6. April 2006 in Kassel Halit Yozgat in seinem Internetcafé erschossen. In der Stadt, zu der die Dortmunder Neonazis beste Kontakte haben. Spätestens nach diesen beiden Taten wackelt die bisher in der BAO vorherrschende Theorie, der zufolge die Opfer etwas mit der organisierten Kriminalität zu tun haben müssen. Der Leiter der BAO Bosporus gibt eine zweite OFA, eine Operative Fallanalyse, in Auftrag. Sie soll eine Alternativhypothese zu den Tätern entwickeln. Innerhalb von drei Tagen wird sie im Mai 2006 in München ausgearbeitet.

Diese Fallanalyse kommt in ihren Ergebnissen den Tätern des NSU so nahe wie sonst nie zuvor: Der Täter, so die OFA, hat die Nationalität deutsch, lehnt Türken ab, sucht gegebenenfalls die Nähe zur rechten Szene, ist gleichzeitig von ihrer Schwäche enttäuscht, entwickelt die Vorstellung einer eigenen Mission, ist waffenaffin und, falls es polizeiliche Vorerkenntnisse gebe, sind die beim Staatsschutz rechts oder bei Waffen- und Sprengstoffdelikten zu finden.

Das hätte eine Steilvorlage, ein Durchbruch sein können. Doch der Staatsschutz in Dortmund wurde von den Ermittlern nur gefragt, ob Kubasik in der PKK aktiv gewesen sei. Das war er nicht. Nach rechten Strukturen fragte niemand. Andererseits meldete sich weder der Staatsschutz noch der Verfassungsschutz von sich aus bei den Mordermittlern, um zum Beispiel auf die Erkenntnisse zu Gottschalk, seiner Kampftruppe und den engsten Verbindungen der Oidoxie-Streetfighting-Crew nach Kassel hinzuweisen. Auch dass um den Zeitpunkt des Mordes an Kubasik herum die C18-Zelle in Dortmund observiert wurde, erfuhr niemand.

Mitten im Sommermärchen

Die Erkenntnisse der zweiten operativen Fallanalyse wurden damals nicht bekannt gemacht. Das hatte Gründe. Laut BAO-Leiter Geyer sollte „in der potenziell türkischen Zielgruppe keine Unruhe aufkommen“. Und: 2006 war das Jahr der Fußball-WM in Deutschland. „Die Welt zu Gast bei Freunden“, in Dortmund allein fanden sechs Spiele statt. Auch das Landeskriminalamt beschäftigte sich mit den Ergebnissen der zweiten OFA und kam in einem Bericht zu dem Schluss, „dass Wirkungen in der Öffentlichkeit, insbesondere im Hinblick auf ausländische Gäste, durch die Verantwortlichen auch schon im Mai/Juni im Hinblick auf die bevorstehende bzw. laufende FIFA WM 2006 bewertet wurden“.

Nazis, die wahllos Migranten erschießen – das hätte nicht zu der freundlichen, fahnenschwenkenden Fußballparty gepasst, die damals gefeiert wurde. Die das freundliche, weltoffene Deutschland nach außen darstellte.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

Menschen beim Public-Viewing in Dortmund. © Foto: RN

In dem ganzen Fußballtrubel des „Sommermärchens“ werten die Ermittler im Fall Kubasik vor allen Dingen Massendaten aus. Hotels, Mietwagenfirmen, Geldabhebungen, Funkzellenabfragen, solche Dinge werden erhoben und mit den vorherigen Tatorten abgeglichen – erfolglos. So wie alle anderen Ermittlungsansätze ergebnislos bleiben. Auf Rechtsradikale habe es, so heißt es später bei den Vernehmungen in Düsseldorf im Landtag, keine Hinweise aus den Fachabteilungen gegeben und dementsprechend sei solchen Spuren auch nicht nachgegangen worden. Trotz der zweiten Operativen Fallanalyse. Trotz einer militanten Szene. Und trotz einer Zeugin, die sich schnell nach dem Mord meldet und angibt, sie habe zwei Männer zur Tatzeit am Kiosk gesehen, sie hätten ausgesehen wie Junkies oder Nazis. Sie wiederholt das mehrfach bei der Polizei.

Die Ermittlungsarbeit, der Ausschuss und Erinnerungslücken

Es wohnen zum Zeitpunkt des Mordes an Kubasik mehrere Rechtsradikale in der Nähe des Kiosks. Es gibt nicht weit entfernt vom Kiosk ein Lokal, wo 2005 die Borussenfront den Jahrestag ihrer Gründung feiert. Es gab Hinweise auf Nazis am Tatort.

Der zweite Leiter der Mordkommission in Dortmund sollte später vor einem Ausschuss auf die Frage, warum nicht in Richtung Rechtsradikale ermittelt wurde, antworten: „Weil wir keine konkreten Anhaltspunkte hatten, auf die Person. Ich kann doch nicht mit einem Generalverdacht losmarschieren und ... Ich habe ja noch nicht mal Spuren gehabt.“

In NRW beschäftigte sich annähernd drei Jahre lang ein eigener Untersuchungsausschuss mit den Taten des NSU. Zahlreiche Zeugen wurden vernommen, es ging um Sprengstoffanschläge in Köln und Düsseldorf, um den Mord an Mehmet Kubasik und auch um die Taten des Polizistenmörders Michael Berger.

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Ermittler am Wagen des Polizistenmörders Michael Berger. Er hatte sich nach den Taten in seinem eigenen Wagen auf einem Feldweg erschossen. © Foto: RN

Auf gut 1000 Seiten wurde Anfang April 2017 ein Abschlussbericht veröffentlicht. Viele Namen sind in ihm gekürzt, die öffentliche Fassung des Abschlussberichtes wurde vor der Veröffentlichung durch Innenministeriumsmitarbeiter gekürzt oder geschwärzt. Der Verfassungsschutz ist eine Abteilung im Innenministerium.

Der Untersuchungsausschuss in Düsseldorf hatte einen anderen Auftrag als das Oberlandesgericht in München. Er sollte das erweiterte Umfeld, die Szene in NRW durchleuchten. Querverbindungen herstellen und Beziehungsgeflechte aufdecken. Es ist, man muss das heute so sagen, nur zum Teil gelungen. Denn die Observationsergebnisse des Verfassungsschutzes von 2005 und 2006 etwa bekam der Ausschuss nicht. Wie auch andere Akten. Für die Observationen der C18-Gruppe in Dortmund war beim Verfassungsschutz das Referat Beschaffung zuständig. Gruppenleiter dieser Abteilung war Burkhard Freier. Heute ist der Mann der Leiter des NRW-Verfassungsschutzes.

Aufgerufene Zeugen beriefen sich in Düsseldorf auf ihr Zeugnisverweigerungsrecht, da sie sich sonst belasten würden. Verfassungsschützer bekamen aus dem Innenministerium mehrfach keine Aussagegenehmigung. Wenn sie eine Genehmigung hatten, konnten sie sich auffällig oft an nichts erinnern. Das ging auch Mitarbeitern des polizeilichen Staatsschutzes so. Beispielsweise dem Mann, der ab 1998 für drei Jahre Leiter des Kriminalkommissariats 1 in Dortmund war. Das KK1 beim Staatsschutz ist zuständig für die Bekämpfung des Rechtsextremismus. Der damalige Leiter erinnerte sich vor dem Ausschuss an gar nichts mehr. Nur einer fällt ihm dann doch noch ein, an den kann er sich doch erinnern. An den „Siggi“.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

© Zeichnung: Marko Nikuhn

So, wie er den Namen „Siggi“ aussprach, konnte man damals den Eindruck bekommen, der ehemalige Polizist im höheren Dienst spreche von einem alten Kumpel.

Das Ergebnis des Ausschusses konnte nur lückenhaft werden, dennoch war die Arbeit nicht umsonst. So finden sich viele weitere Hinweise zu den Verbindungen von Dortmunder und Kasseler Neonazis im Umfeld der Oidoxie-Streetfighting-Crew. Und Siegfried Borchardt zum Beispiel, der 1982 die Borussenfront aus der Taufe hob und als rechtsradikaler Gewalttäter maßgeblich die Dortmunder Szene gestaltete, wird in den über 1000 Seiten des Abschlussberichtes über 70 Mal genannt.

Funde, Demos und ein paar Flaschen Schnaps

So findet sich der Name Borchardt zum Beispiel auf der Seite 676 des Ausschussberichtes: In der ausgebrannten Wohnung des NSU-Trios in der Frühlingstraße in Zwickau wurde eine „stark brandgeschädigte“ Munitionsschachtel gefunden. Munition, die in der Mordserie des NSU verwandt wurde. Elf von 25 Patronen waren noch vorhanden, auf Vorder- und Rückseite der Schachtel jeweils die Aufschrift „Siggi“. Das Bundeskriminalamt ermittelte, fand aber keine verwertbaren Ergebnisse. Die handschriftlich aufgetragenen Siggis waren „qualitativ und quantitativ nicht ausreichend für schriftvergleichende Untersuchungen“.

Ob Borchardt mit dieser Schachtel etwas zu tun hatte, konnte nicht geklärt werden. Er wurde offiziell nie vernommen. Nicht in München. Nicht in Düsseldorf.

Siggi muss in der Szene ein Held gewesen sein. Damals in der Borussenfront und später dann als Szenegröße, als Führer. Man kann das heute noch beobachten: Immer eine Entourage der Aufschauer um sich herum, häufig die selben Gesichter. Immer nur harte Blicke. Wenn sie lachen, dann verächtlich. Auf zahlreichen Demos immer das gleiche Bild.

Und mit Neonazidemonstrationen hat Dortmund Erfahrung: Die erste große Demonstration fand im Oktober 2000 statt, die Polizei kesselte damals Gegendemonstranten ein. Dann ging es Schlag auf Schlag weiter, Dortmund entwickelte sich zum Demonstrationszentrum der radikalen Rechten. Einer Auflistung zufolge fanden zwischen 1994 und dem Frühjahr 2015 in Dortmund 112 Demonstrationen statt. Auf Platz 2 in dieser NRW-Rangliste folgt Köln mit 48 Demonstrationen.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

© Zeichnung: Marko Nikuhn

Demonstrationen dienen der Szene im „Kampf um die Straße“, gleichzeitig binden sie extrem viel Polizeipersonal. Es gab aber offenbar erstaunliche Absprachen: Laut einem geheimen Vermerk des Verfassungsschutzes berichtet ein Zuträger im Januar 2005 von einem Treffen der Dortmunder Kameradschaft in einer Hörder Kneipe. Knapp 25 Personen seien dabeigewesen.

Hauptaussage von Siegfried Borchardt sei sinngemäß gewesen, er habe mit Polizei und Verfassungsschutz ein Arrangement vereinbart. Es gebe keine unnötigen Demonstrationen mehr. Er werde sich aber auch nichts vorschreiben lassen.

Der Informant des Verfassungsschutzes wusste weiter zu berichten, dass die anderen im Raum unisono der Meinung gewesen seien, dass der „Siggi“ das schon machen würde. Ihm wurde vertraut. Interessant wäre eine Antwort auf die Frage gewesen, was Borchardt für sein Zugeständnis als Gegenleistung bekommen hat.

Borchardt wurde offiziell nie als Quelle geführt, heißt es. Aber der Vermerk belegt, dass es Gespräche gab. Und sie lassen eine Aussage eines ranghohen Verfassungsschützers, er ist schon lange dabei, in einem anderen Licht erscheinen. Der Mann, so zitieren ihn mehrere Menschen, erwähnte am Rande des NRW-Untersuchungsausschusses vertraulich, dass Borchardt, obwohl keine offizielle Quelle des VS, für ein paar Flaschen Schnaps durchaus für Gespräche gut gewesen sei.

Brieffreundschaften

Wie viele V-Leute in der rechtsradikalen Szene von Dortmund herumliefen und -laufen, ist unklar. Der Abschlussbericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses liefert dazu keine Zahl. Klar ist aber, dass es einige gab und dass die vom Verfassungsschutz geschützt wurden.

Sebastian Seemann etwa. Der, mittendrin in der C18-Szene und vielfach vorbestraft, arbeitete für den Verfassungsschutz. Zeitgleich dealte er mit Drogen, weswegen ihn Bielefelder Drogenfahnder ins Visier nahmen. Das wiederum bekam Seemanns V-Mann-Führer vom Verfassungsschutz mit, der den rechtsradikalen Drogendealer vor der Bielefelder Polizei und deren Ermittlungen warnte. Konsequenzen hatte das für den V-Mann-Führer keine.

Seemann flog später als V-Mann in einem Prozess auf. Angeklagt war sein Freund und Gesinnungsgenosse Robin Sch., der ebenfalls in der Oidoxie-Streetfighting-Crew und im Dortmunder C18-Zirkel aktiv war. Sch. hatte bei einem Supermarktüberfall einen Algerier niedergeschossen und sein Anwalt entdeckte in den Prozessakten, dass Seemann V-Mann war. Sch. sagte, anders als zuvor geplant, aus, und ging ins Gefängnis. Er schrieb sich dort dann regelmäßig mit Beate Zschäpe. Der Hauptangeklagten im NSU-Prozess.

Es gibt noch eine andere Brieffreundschaft, die erwähnenswert ist, sie hat mit dem NSU-Mord in Kassel zu tun. Als dort am 6. April 2006, zwei Tage nach dem Mord an Mehmet Kubasik, gegen 17 Uhr Halil Yozgat hingerichtet wurde, war er nicht alleine in seinem Internetcafé. Dort hielt sich zum Zeitpunkt des Mordes mit sehr großer Wahrscheinlichkeit auch ein Mitarbeiter des hessischen Verfassungsschutzes auf. Temme heißt der Mann, er war V-Mann-Führer. Temme will, so hat er das in München ausgesagt, weder den Schuss gehört noch Schießpulver gerochen noch die Leiche Yozgats gesehen haben, als er das Ladenlokal verließ und 50 Cent auf den Tresen legte.

In diesem Internetcafé war Monate vor dem Mord mehrfach Corinna G. zu Gast. Sie, ein Neonazi seit vielen Jahren, war im September 2017 von dem hessischen NSU-Untersuchungsausschuss befragt worden und hatte da zugegeben, in diesem Internetcafé gewesen zu sein, als sie zwischen Herbst 2005 und Februar 2006 im offenen Vollzug in Baunatal einsaß. G. war vorher in der JVA Kaufungen inhaftiert. Sie schrieb sich, so sagte sie es vor dem Ausschuss in Hessen aus, mit einem Mann, der zu der Zeit in Bielefeld einsaß: Siegfried Borchardt.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

Ein Gegendemonstrant am 21. Dezember 2014 in der Nordstadt. © Foto: RN

Am 21. Dezember 2014, gerade einmal drei Jahre her, demonstrierten wieder einmal Neonazis in Dortmund. In der Nordstadt. Die Parolen, die sie skandierten, waren unter anderem:

„Anne Frank war essgestört.“

„3:1 für Deutschland.“

„Mehmet hat’s erwischt.“

„Thomas Schulz - das war Sport, Widerstand an jedem Ort.“ - Rufe von Dortmunder Neoazis während einer Demo im Dezember 2014

Anne Frank, die drei Polizisten, die Berger tötete, Mehmet Kubasik und Thomas Schulz, ein Punker, der am Ostersamstag 2005 von einem Neonazi in der Dortmunder Innenstadt erstochen wurde. Auf all diese Taten bezogen sich die demonstrierenden Neonazis. Sie waren dabei keine 500 Meter von Kubasiks ehemaligem Kiosk entfernt.

Spuren im Schutt

Im Brandschutt des zerstörten Zwickauer Unterschlupfes des NSU-Trios wurde 2011 auch Kartenmaterial gefunden. Darauf Ausspähnotizen zu möglichen Anschlagszielen in Dortmund, über das Stadtgebiet verteilt.

Dönerläden, Kioske, Vereine, politische Gegner – eine Menge potenzieller Ziele. So viele, dass die Vermutung sehr nahe liegt, dass sie von Einheimischen erstellt worden ist. Oder von Menschen, die sich zumindest längere Zeit in Dortmund aufhielten. Derart viele Ausspähnotizen fanden sich sonst nur zu den Tatorten in München und Nürnberg. Und zu den dortigen Neonaziszenen hatte der NSU nachweislich Kontakte.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

Ermittler arbeiten im November 2011 in den Überresten des Hauses, in dem zuletzt der NSU seinen Unterschlupf hatte. © Foto: dpa

Woher diese expliziten Informationen über Dortmund kamen, ist auch heute noch unklar. Dass der NSU Helfer hatte, davon sind nicht nur Anwälte überzeugt. An der Trio-Theorie zweifelt etwa auch Clemens Binninger. Der Mann war CDU-Bundestagsabgeordneter und leitete den zweiten NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Er sagt, er habe „große Zweifel“, dass all die Verbrechen, die dem NSU zur Last gelegt werden, von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe allein ausgeführt wurden.

Carsten Ilius ist der Anwalt der Witwe Elif Kubasik. Er sagte in seinem Plädoyer am vergangenen Dienstag in München: „Wie bei einer Vielzahl anderer wichtiger Nazi-Zeugen ist bis heute nicht bekannt, in welchem Umfang der Generalbundesanwalt die wichtigsten Protagonisten aus Dortmund vernommen hat und wer überhaupt vernommen wurde.“ Anträge auf Einsicht in Aktenbestandteile von vier Neonazis wurden von den Nebenklägern zwar gestellt, aber vom Generalbundesanwalt abgelehnt: Die Persönlichkeitsrechte der vier Nazis seien höher zu bewerten als das Interesse der Nebenklage.

Bundeskanzlerin Angela Merkel gab den Angehörigen am 23. Februar 2012 ein Versprechen: „Wir tun alles, um die Morde aufzuklären und die Helfershelfer und Hintermänner aufzudecken und alle Täter ihrer gerechten Strafe zuzuführen.“ Dieses Versprechen ist bis heute nicht eingelöst worden.

Annahmen sind keine Beweise

Was tatsächlich geschehen ist, wird vermutlich nie in Gänze bekannt werden. Trotz eines Mammut-Prozesses in München, trotz zahlreicher Untersuchungsausschüsse in zahlreichen Bundesländern, trotz des unsäglichen Leids der Opfer und ihrer Angehörigen.

Was aber auf dem Tisch liegt, ist ein hässliches Puzzle. Teile in ihm fehlen.

Aber was man, wenn man sich das Puzzle anschaut, sehen kann, ist beängstigend: Da wird ein Mann erschossen, er ist das Opfer in einer Serie. Die Täter waren Nazis. Der Mord geschah in einer Stadt mit einer gewaltbereiten Neonaziszene. Sie ist über Jahrzehnte gewachsen, konnte groß werden, sich und eine Strahlkraft entwickeln für Menschen, die sich von solchem Gedankengut angezogen fühlen. Nach dem Mord wird nicht in der rechten Szene ermittelt, obwohl mindestens beim Verfassungsschutz seit Jahren klar ist, wie militant und bewaffnet diese Szene ist. Doch ob die wichtigsten Protagonisten der Dortmunder Szene verhört wurden, ist unbekannt. Weder damals, 2006. Noch, nachdem 2011 bekannt wurde, dass die Täter Nazis waren.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

© Zeichnung: Marko Nikuhn

Wesentliche Teile des Puzzles werden nie auftauchen. Sie sind unter Verschluss. Oder bereits vernichtet. Aber das, was sich sehen lässt, ist, dass es mehr Verbindungen gibt, als öffentlich zugegeben wird. Dass da mehr Wissen existiert, als wiedergegeben wird. Doch alles, was man Stand heute daraus ziehen kann, sind Annahmen. Sie mögen zwingend logisch erscheinen – Beweise sind sie nicht.

Und es geht weiter:

Am 4. Juni 2016 demonstrieren einmal mehr Hunderte Neonazis in Dortmund. Unter ihnen: William Browning, er war Mitte der 1990er-Jahre Mitbegründer der britischen Neonazi-Gruppe C18. Von Großbritannien aus verbreitete sich das C18-Netzwerk. Warum Browning in Dortmund war: unklar.

Am 24. September 2017, das berichtet die Süddeutsche Zeitung, griff die Spezialeinheit GSG9 an der deutsch-tschechischen Grenze zu: Zwölf Neonazis des C18-Netzwerks waren zuvor zwei Tage in Tschechien gewesen. Reisegrund laut SZ und NDR: Schießtraining.

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass deutsche Neonazis seit Januar 2016 in mindestens 14 Fällen im In- oder Ausland an Schießübungen teilgenommen haben. Wo und wann die Trainings jeweils stattfanden und zu welchen Organisationen die Beteiligten gehörten, will das Bundesinnenministerium nicht sagen.

Ein Herz und ein Begräbnis

Gamze und Elif Kubasik, Tochter und Ehefrau von Mehmet Kubasik, waren oft in München im Saal A101. Beide sprachen, als in der vergangenen Woche ihre Anwälte plädierten, eigene Worte in diesem Gerichtssaal. Die Ehefrau sagte unter anderem, dass ihr „Herz mit Mehmet begraben wurde“. Aber auch, dass sie zwei Kinder in diesem Land zur Welt gebracht hat. „Mein Enkel ist hier zur Welt gekommen. Wir sind ein Teil dieses Landes.“ Die beiden Frauen haben gut sechs Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU Fragen.

Sie wollen wissen, wer den Vater und Ehemann ausgewählt hat.

Wer den Kiosk ausspioniert hat.

Und wer von den Tätern noch frei herumläuft.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

Gamze Kubasik und ihr Ehemann vor einigen Jahren in ihrem Wohnzimmer. Das Foto in dem Holzrahmen über dem Paar zeigt Gamzes Eltern. Mehmet und Elif Kubasik. © Foto: RN

Diese Fragen werden in München nicht geklärt werden. Gamze Kubasik: „Ich hatte so viel Hoffnung, dass endlich Gewissheit kommt. Diese Hoffnung gibt es nicht mehr. Wir werden nie zur Ruhe kommen.“

Der Anfang und das Ende dieser Geschichte sind immer noch nicht klar zu erkennen. Spürbar sind Veränderungen. Der Ton ist rauer geworden. Rechter. Das, was heute öffentlich gesagt werden kann, unterscheidet sich deutlich von dem, was in den 2000ern gesagt werden konnte.

Es gibt die alten Rechten. Und inzwischen auch die neuen.

Alles fließt. Immer weiter.

Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

10 Jahre nach dem Mord in dem Kiosk erinnern Teile der Südtribüne an Mehmet Kubasik. © Foto: dpa

Zur Person
Die im Dunkeln sieht man nicht - Eine Geschichte über den Rechtsextremismus in Dortmund seit 1982

© dpa

Mehmet Kubasik wurde am 4. April 2006 in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt ermordet.
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