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Die Angst vor einem Sexualstraftäter in einer Dortmunder Siedlung

dzKindesmissbrauch

In eine kleine Siedlung in Dortmund will ein Straftäter ziehen, der 20 Jahre lang eingesperrt war. Wegen Kindesmissbrauchs. Wie damit umgehen, fragen sich die Bewohner sorgenvoll.

DORTMUND

, 28.06.2018 / Lesedauer: 7 min

Heute, Wochen bevor der Mann hierher zieht und lange, bevor ihn irgendjemand überhaupt einmal gesehen hat, verbreitet er Angst. Er. Der Mann, von dem man nichts weiß. Außer, dass er hier Verwandte hat. Dass er lange weggesperrt war. Wegen Kindesmissbrauchs. So stand es auf den Zetteln, die vor wenigen Tagen morgens in den Briefkästen lagen. In den Briefkästen der Häuser, von denen die ersten vor einigen Jahren entstanden.

Einer, der damals gebaut hatte, sagt, seine Frau und er hätten sich bewusst für die Ecke hier entschieden. Lange hatten sie zuvor etwas Passendes gesucht. Für sich und die drei kleinen Kinder. „Einfach eine tolle Ecke“, sagt der Mann, „ruhig und friedlich“. Ein Ort, an dem man die Kinder vor die Tür schicken kann zum Spielen. Ein Spielplatz fußläufig erreichbar, verkehrsberuhigte Zone. 40 Häuser vielleicht in einem Verbund, man kennt und grüßt sich. Ein Ort, wie es ihn zigtausendfach in Deutschland gibt und tausendfach in NRW. Das Wohngebiet liegt in Dortmund.

Namen werden nicht genannt

In diesem Text werden keine Hinweise zu finden sein, wo das Wohngebiet liegt. Auch die Namen der Personen, die hier leben, werden nicht genannt werden. Diese Geschichte ist wahr. Es gibt einen Verurteilten, der Kinder missbraucht hat. Und es gibt das Wohngebiet, in das er ziehen will. Aber es wäre niemanden geholfen, wenn jetzt, wie in der Vergangenheit schon oft geschehen, Rechtsradikale Mahnwachen dort abhalten und sich selbst aufwerten, indem sie andere abwerten.

Angst und Verunsicherung ist groß

Im Wohngebiet ist die Stimmung diffus, die Angst groß, und Verunsicherung hat sich über die Häuser gelegt wie ein unerwarteter Frosteinbruch im Mai. Irgendjemand in der kleinen Gemeinschaft hatte erfahren, dass ein Häftling nach seiner Entlassung hierher ziehen will. Dann nahm es seinen Lauf und wurde ein Lauffeuer. Spätestens, als die anonymen Zettel in den Briefkästen auftauchten. Vor wenigen Tagen war das. „Wichtige Mitteilung“ stand da. In wenigen Wochen solle ein Mann hier in die kleine Siedlung ziehen. Ein Sexualstraftäter, der die letzten 20 Jahre in Haft war. Haftgründe, so stand es auf dem Zettel, waren Sexualstraftaten an mehreren Kindern.

Nachricht kam per Nachbarschaftsfunk

Das ist nicht ganz richtig, der Mann saß nach unseren Recherchen nicht 20 Jahre in Haft. Er wurde Ende der 1990er-Jahre vor dem Landgericht Dortmund zu einer Freiheitsstrafe von knapp 20 Monaten und einer Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus verurteilt. Wegen des Missbrauchs von Kindern. Jetzt wird er von dort entlassen. Um entlassen zu werden, müssen Mediziner und Gutachter festgestellt haben, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht.

Der Mann, der hier mit seiner Familie einst her zog, weiß noch genau, wie er von dem neuen Nachbarn erfuhr. Bei ihm kam die Nachricht per Nachbarschaftsfunk an. Eigentlich wollte er sich mit seiner Frau einen schönen Abend machen, es war der Jahrestag ihres Kennenlernens, ein Restauranttisch war reserviert. Sie gingen dann auch noch aus, aber der Abend war gelaufen. Alles war überlagert von dieser Information. Ein Kinderschänder. Hier. Bei uns. In dieser Straße, in diesem Gebiet, wo viele Kinder leben, nicht nur die eigenen. „Das ist doch so“, sagt er, „als ob man einen trockenen Alkoholiker zum Aufpassen in einen Schnapsladen stellt.“

Ein unhaltbarer Zustand sei das, stand auf dem Zettel. Ein Risiko für die Kinder, sie könnten nicht mehr ohne Aufsicht auf der Straße spielen, auch nicht auf dem Spielplatz. Man müsse etwas tun, um den Einzug noch rechtzeitig zu verhindern.

Ein Sexualstraftäter, noch dazu ein Kinderschänder, da werden Ängste wach, die eine Sogwirkung entwickeln. Wer ein Kind bedroht, und sei es nur theoretisch, bedroht die Zukunft einer Familie. Bedroht damit, wofür Menschen ein Heim bauen in einer solchen Siedlung: die Zuversicht auf das, was kommen wird. Denn was ist eine Familie anderes als Zuversicht und Vertrauen?

Sexualstraftäter haben ein höheres Rückfallrisiko

„Es gibt kaum andere Straftaten, die derart affektaufgeladen sind wie sexuelle Übergriffe auf Kinder“, sagt der Sexualpsychologe Dr. Christoph Joseph Ahlers. Ahlers ist Buchautor („Himmel auf Erden und Hölle im Kopf – Was Sexualität für uns bedeutet“ (Goldmann)) und hat 2004 das Präventionsprojekt Dunkelfeld (www.kein-taeter-werden.de) an der Berliner Charité mitbegründet, das mittlerweile zu einem Präventionsnetzwerk an zwölf Standorten in allen Bundesländern geworden ist. Ahlers kennt die Zahlen und weiß, dass „Personen, die Gewalt- und Sexualstraftaten begangen haben, ein höheres Rückfallrisiko aufweisen, als beispielsweise Personen mit Eigentums- oder Verkehrsdelikten.“ Verunsicherung, Irritation, Beunruhigung – für ihn sind das „erwartbare und normalpsychologische Reaktionen“.

Er weiß aber auch, was aus dieser Angst erwachsen kann. Schon im Gefängnis haben Personen, die Kinder missbraucht haben, den geringsten Sozialstatus. Und nach der Entlassung ist das ebenso. Solche Täter werden in Gefängnissen angefeindet und angegriffen, was sich in Freiheit fortsetzt: „Immer dann, wenn bekannt wird, dass jemand mit einer solchen Vorstrafenkategorie in die Nachbarschaft zieht, entstehen starke Abwehr- und vermeintliche Selbstverteidigungs-Impulse. Und die schaukeln sich schnell hoch zu Initiativen, Bürgerwehren, Protestbewegungen und so weiter – dann wird es schnell undifferenziert und aufschäumend.“

Er war kein Sexualstraftäter, er war verwechselt worden.

Wie aufschäumend so etwas werden kann, hat sich vor wenigen Wochen in Bremen gezeigt. Im Mittagsprogramm von RTL wurde ein Fernsehbeitrag über einen mutmaßlichen Sexualstraftäter ausgestrahlt. Zuschauer meinten daraufhin, den Täter zu erkennen, sie suchten ihn auf. Der Mann wurde zusammengeschlagen und dabei lebensgefährlich verletzt. Er war kein Sexualstraftäter, er war verwechselt worden.

Pech gehabt zu haben, das ist nicht das Gefühl, dass der Mann hat, der sich jetzt um seine Kinder sorgt: Am Anfang sei es ein Schock gewesen, sagt er. „Vom Schock ging es dann rüber zur Wut, im Moment ist es die Angst, die vorherrscht.“ Ob es Pech oder Glück ist, dass der Mann diese Angst spürt? Schwer zu sagen, denn dieser Fall ist eine Abweichung von der üblichen Norm: So gut wie nie erfahren Menschen, wenn in ihr Umfeld Sexualstraftäter ziehen, die aus der Haft entlassen worden sind.

Seit 2010 gibt es in Nordrhein-Westfalen die „Konzeption zum Umgang mit rückfallgefährdeten Sexualstraftätern“, kurz KURS genannt. KURS unterteilt die Täter in die drei Kategorien A, B und C, absteigend nach ihrer Rückfallgefährdung. Aktuell befinden sich 1063 Menschen in NRW in dem Programm, insgesamt waren es seit Beginn von KURS 3253. Die Rückfallquote liegt laut Ministeriumsangaben bei 3,1 Prozent. Das ist ein sehr geringer Wert. Aber es ist eben auch nur eine Zahl. In der vergangenen Woche wurde in Hörde ein Mann festgenommen, er soll eine Frau vergewaltigt haben. In Anwesenheit von zwei Kindern, 13 und 14 Jahre alt. Ob die Tat so geschehen ist, ist im Moment noch unklar, aber der Mann sitzt in Untersuchungshaft und auch er war ein KURS-Teilnehmer.

Rückfallquote von 3,1 Prozent

KURS ist ein Programm der Landesregierung, dessen Ziel es ist, die Allgemeinheit bestmöglich vor besonders rückfallgefährdeten Sexualstraftätern zu schützen. Wird ein Sexualstraftäter entlassen, wird er durch die entlassende Justizvollzugs- oder Maßregelvollzugsanstalt in die entsprechende Risikogruppe eingestuft. Welche Vorschriften oder Auflagen der zu Entlassende einzuhalten hat, ist eine Einzelfallentscheidung, die in Fallkonferenzen getroffen wird. Beteiligt sind, je nach Fallkonstellation und Zuständigkeit neben den entlassenden Anstalten noch die zuständige Polizeibehörde, das Landeskriminalamt, eine forensische Ambulanz oder auch der Ambulante Soziale Dienst der Justiz.

Grundsätzlich, so das Innenministerium, stehe es KURS-Probanden frei, wo sie nach der Haftentlassung hinziehen. An KURS gibt es wenig Kritik, dafür sorgt die Rückfallquote von 3,1 Prozent. Studien gehen ansonsten davon aus, dass 20 Prozent der Sexualstraftäter rückfällig werden.

Widersprüche wie ein Graben

In der kleinen Dortmunder Siedlung fällt nichts auf, wenn man als Fremder hindurchläuft. Die Gärten sind einsehbar, an einer Tür hängen Luftballons von einem Kindergeburtstag, in einem anderen Garten zanken sich zwei Geschwisterkinder um den Wasserschlauch. Aber die Menschen, wenn man sie fragt, sind sich uneins, was zu tun ist. Der Mann, der hier vor zehn Jahren herzog, kann einerseits „die Familie verstehen. Der Mann hat seine Strafe abgesessen und wird jetzt freigelassen.“ Wo bitte solle er denn sonst hin, wenn nicht zu Familienangehörigen? „Andererseits leben hier viele Kinder, teilweise auch sehr klein. Wie kann man die dieser Gefahr aussetzen?“

Was der Mann im Inneren spürt, zieht sich jetzt wie ein Graben durch die Siedlung: Da würde Panik verbreitet, sagen die einen. Andere finden, wenn sie jetzt keine Ruhe mehr finden, soll der, der demnächst hier einzieht, auch keine Ruhe mehr finden. Es gibt Medikamente, sagt ein Mediziner. Und wenn er die nicht nimmt, fragen andere.

In Dortmund leben nach Recherchen unserer Zeitung aktuell etwas mehr als 40 Sexualstraftäter, die im KURS-Programm sind. Die Männer waren wegen sexuellem Missbrauch oder Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder (in sehr wenigen Fällen) sexuellem Missbrauch von Kindern in Haft oder im Maßregelvollzug. Diese Zahlen sind fließend, sie verändern sich und wer offiziell nachfragt, erfährt vom Landeskriminalamt in Düsseldorf, dass die Zahlen der KURS-Teilnehmer, runtergebrochen auf Kommunen oder Gemeinden, nicht veröffentlicht werden.

Was würde der Psychologe tun?

Was würde der Sexualpsychologe Ahlers tun, wenn er in einer solchen Siedlung leben würde, in der es dann solche Neuigkeiten geben würde? „Privatpersonen und Nachbarschaften können das alleine nicht bewältigen. Es bräuchte staatliche und kommunale Wiedereingliederungs-Programme, die das mit professioneller Hilfe von Bewährungshelfern und Sozialarbeitern in Gemeinden und Bezirken organisieren, implementieren und begleiten. Diese müssten rechtzeitig zu Informationsveranstaltungen einladen und erklären, was auf wissenschaftlicher Grundlage der beste Umgang mit entlassenen Sexualstraftätern wäre.“ Das Hilfreichste sei, sagt Ahlers, wenn alle Bescheid wissen und mitentscheiden, ob die Gemeinde einem Täter, der seine Strafe verbüßt hat, eine Chance auf Resozialisierung geben wolle.

Der Knackpunkt bleibt dann jedoch, was mit dem Menschen ist, der da kommt. Kann oder will er kooperieren? Und wenn hier mit „Nein“ geantwortet werden muss? „Dann sind die Hände gebunden“, sagt Ahlers. „Wenn nicht kooperiert wird und zum Beispiel eine dissoziale Persönlichkeitsstruktur vorliegt, muss die Gemeinschaft erwirken können, dass diese Person wegziehen muss. Das ist dann vollkommen legitim und etwas ganz anderes als eine idiotische wutbürgerliche Privatarmee mit Fackeln und Transparenten, die die Todesstrafe für Kinderficker fordert.“

Andere Länder sind Deutschland weit voraus

All das auszutarieren, hört sich schwer an. Zu schwer für eine kleine Gemeinschaft. Federführend bei solchen Resozialisierungsprogrammen sind laut Ahlers die Beneluxländer und Skandinavien. Dort werden Gemeinden oder Gruppen oder auch kleine Orte in Versammlungen von professionellen Helfern vorab informiert und bekommen erklärt, dass Integration die beste Prävention ist.

In NRW gibt es KURS. Auch wenn die Rückfallquoten, die KURS vorweist, sehr niedrig sind, bleiben die Sorgen in der Siedlung sehr groß. Was wird geschehen? Jeder KURS-Teilnehmer steht unter einer sogenannten Führungsaufsicht. Wie der Name sagt, handelt es sich dabei um Führung und Aufsicht. Für den Mann, der in die Siedlung ziehen will, gilt die Führungsaufsicht zunächst bis 2023.

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