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Die knapp 100 Bewohner der beiden wegen Brandschutzmängeln geräumten Häuser sind verzweifelt. Sie sind in engen Notunterkünften untergekommen und wissen nicht, wann sie zurück können.

Bergkamen

, 16.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Den Bewohnern der beiden geräumten Häuser, die in der städtischen Notunterkunft an der Fritz-Husemann-Straße untergekommen sind, geht es sichtlich nicht gut. Karsten Knauf (62) und seine Frau Angela Desenne-Knauf (66) zwängen sich zwischen zwei Doppelstockbetten. Die wenigen Habseligkeiten, die sie aus ihrer Wohnung an der Töddinghauser Straße mitnehmen konnten, liegen verteilt in dem winzigen Zimmer, in dem sich ein Küchenblock und ein schmuckloser Stahlschrank befinden. Karsten Knauf, der am Abend zur Nachtschicht nach Sprockhövel muss, macht sich Sorgen, weil er kaum schlafen konnte.

Tag eins nach der Räumung: Bei den Betroffenen machen sich Wut und Verzweiflung breit

Die Badezimmer in der Unterkunft sind zwar relativ neu, hatten aber zunächst keine Spiegel. © Marcel Drawe

Kein Spiegel im Badezimmer

Seine Frau, die aus Brasilien stammt, schwankt zwischen Wut und Verzweiflung. „Die können uns doch nicht nach 22 Jahren einfach so aus unserer Wohnung schmeißen“, sagt sie empört. Das Ehepaar hat sich die Wohnung in einem der beiden achtstöckigen Häuser gekauft, damit sie im Alter keine Miete mehr zahlen müssen – und jetzt wissen sie nicht, was für die Brandschutzsanierung in den beiden Häusern auf sie zukommt. Hinzu kommt, dass sie sich in der Notunterkunft alles andere als wohlfühlen. „Es gibt keinen vernünftigen Schrank, keinen Tisch, keinen Stuhl und noch nicht einmal einen Spiegel im Badezimmer“, sprudelt es aus Angela Desenne-Knauf heraus. Sie ist verzweifelt, weil niemand ihr sagen kann, wann sie endlich in ihre Wohnung zurück kann.

Tag eins nach der Räumung: Bei den Betroffenen machen sich Wut und Verzweiflung breit

Rita und Günter Luft haben zumindest Einzelbetten. Das ist aber auch schon der einzige Komfort in ihrem Zimmer in der Notunterkunft. © Marcel Drawe

Zwei Einzelbetten sind der einzige Komfort

Das Ehepaar Rita und Günter Luft, das ein Stockwerk höher untergekommen ist, wirkt zwar gelassener, aber nicht besser gelaunt. Die 66 und 73 Jahre alten Eheleute haben zumindest keine Doppelstock- sondern zwei Einzelbetten in ihrem Zimmer. Damit endet der Komfort allerdings auch schon. Ein Schrank fehlt völlig, ein Tisch, Stühle und der Spiegel im Bad ebenfalls. Ihre wenigen Habseligkeiten stapeln sich ungeordnet vor der Küchenzeile. Sie müssen schnell zum Bus weil sie einen Termin mit dem Wachdienst an ihrer Wohnung haben. Sie wollen noch einige Dinge aus ihrer Wohnung haben.

Zermürbende Langeweile

Unterm Dach hat sich Bettina Marschall (51) auf ihrem Bett in der Dachgeschosswohnung zusammengekugelt, die sie sich mit einer älteren Dame teilt, die ebenfalls aus der Töddinghauser Straße kommt. In der Wohnung steht zumindest ein Tisch und ein Stuhl. Eines der großen Probleme ist die Langeweile, sagt sie. In den Zimmern gibt es keine Fernseher, kein W-Lan und noch nicht einmal die Möglichkeit, es sich mit einem Buch oder einer Zeitschrift halbwegs gemütlich zu machen.

Tag eins nach der Räumung: Bei den Betroffenen machen sich Wut und Verzweiflung breit

In diesen Notunterkünften an der Fritz-Husemann-Straße sind die Menschen aus den geräumten Häusern untergebracht. © Marcel Drawe

Hauswart schafft mehr Möbel heran

Das wird auch leider so bleiben, sagt Hauswart Roman Nowak, der die Flüchtlingsunterkunft für die Stadt betreut. W-Lan gibt es nicht und für Fernseher ist kein Platz in den engen Räumen. Immerhin will Nowak die Situation in den Unterkünften in den nächsten Tagen verbessern. Ein Unternehmen, das die Badezimmerspiegel noch am Freitag installieren soll, hat bereits den Auftrag bekommen. Außerdem sollen nicht benötigte Betten abgebaut und durch Tische und Stühle ersetzt werden. Er habe die Unterkünfte in aller Eile für bis zu 1000 Menschen vorbereiten müssen, entschuldigt sich Nowak.

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In wenigen Stunden Betten für fast 100 Menschen herangeschafft

Nach Angaben von Sozial- und Feuerwehrdezernentin Christine Busch, war sie sich erst am Dienstagabend sicher, dass die beiden achtstöckigen Wohnhäuser mit 60 Wohnungen und knapp 100 Bewohnern geräumt werden müssen. Nowak beschaffte den gesamten Mittwoch Betten und Matratzen, um Platz für so viele Menschen zu schaffen.

Tag eins nach der Räumung: Bei den Betroffenen machen sich Wut und Verzweiflung breit

Angela Desenne-Knauf holte noch einige Dinge aus ihrer Wohnung. © Marcel Drawe

Viele sind doch bei Verwandten und Freunden untergekommen

„Wir sind noch bis zum Nachmittag davon ausgegangen, dass wir die meisten Menschen zunächst in der Notunterkunft unterbringen müssen“, sagte die Dezernentin. Nach und nach hätten jedoch immer mehr Menschen einen Platz bei Verwandten oder Freunden gefunden. Schließlich blieben am Abend nur noch 21 Menschen übrig, die auf die städtische Notunterkunft angewiesen waren. Deshalb können jetzt Betten gegen andere Möbel ausgetauscht werden.

Tag eins nach der Räumung: Bei den Betroffenen machen sich Wut und Verzweiflung breit

Die Häuser an der Töddinghauser Straße sind mittlerweile mit einem Bauzaun abgesperrt, um Plünderer und Einbrecher abzuhalten. Zusätzlich patroulliert ein Wachdienst. © Marcel Drawe

Bauzaun versperrt den Zugang zu den Häusern

Ärger gab es am Donnerstag auch, als Bewohner zu ihren Wohnungen an der Töddinghauser Straße zurückkehrten und feststellten, dass die beiden Häuser komplett mit einem Bauzaun abgesperrt sind. Der Hausverwalter hatte diese Maßnahme bereits angekündigt, um Einbrecher und Plünderer von den Häusern fernzuhalten. Zusätzlich bewacht ein Wachdienst die Häuser. Viele Bewohner nutzten die Möglichkeit, noch einige Dinge aus ihren Wohnungen zu holen.

Sorge wegen Kosten der Notunterkunft

Bei ihnen herrscht auch Sorge, weil die Notunterkunft der Stadt laut Satzung nicht kostenlos ist. Die Unterbringung kostet gut 240 Euro pro Person und Monat. „ich weiß nicht, wie ich mir die Wohnungsmiete und die Notunterkunft leisten soll“, sagte Bettina Marschall. Dezernentin Christine Busch beruhigt in einer Pressemitteilung. Für jeden Einzelfall werde eine Lösung gefunden. Sie macht darauf aufmerksam, dass die Unterbringungskosten generell eine Versicherungsleistung sind. Bisher habe die meist unfreiwillige Nutzung der städtischen Unterkunft nie zu einer zusätzlichen Belastung geführt.

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