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Junge Physiotherapeuten zieht es in die großen Städte. In Bergkamen suchen die Praxen indes verzweifelt nach Mitarbeitern. Die müssen stressresistent sein und genügsam, was das Gehalt betrifft.

Bergkamen

, 23.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Mario Stüver freut sich auf seine Zeit als Physiotherapeut. Noch besucht er die ganzheitliche Physiotherapieschule in Bergkamen, doch sein Examen steht kurz bevor. In etlichen Praktika und zahlreichen Theoriestunden hat Mario Stüver gelernt und erlebt, was auf ihn zukommen wird. Er wird viel Kontakt zu Menschen haben – „engen Kontakt.“ Krankheitsbilder mit denen er bisher schon zu tun hatte, reichen vom verstauchten Arm, der in ein paar Wochen vollständig geheilt werden kann, bis zum Schlaganfall-Patienten, bei dem mit viel Geduld nach und nach die Beweglichkeit verbessert werden kann – theoretisch.

Stüver ist der Kontakt zu Menschen wichtig – „wichtiger als Geld“. Dass er als Physiotherapeut nicht das große Geld verdienen wird, weiß Stüver. Um einen Arbeitsplatz muss er sich indes keinerlei Sorgen machen.

Die Patienten leiden: Physiotherapie-Praxen in Bergkamen suchen händeringend Nachwuchs

Physiotherapeuten haben bei der Arbeit engen Kontakt zum Menschen. © picture alliance / dpa


Physiotherapeuten verdienen wenig und werden händeringend gesucht

Durchschnittlich verdiene ein Physiotherapeut 2100 Euro brutto, sagt Thorsten Vogtländer, Geschäftsführer des Deutschen Verbands für Physiotherapie. Vielen Physiotherapeuten sei das irgendwann zu wenig. Sie machen sich selbstständig und hoffen auf mehr Verdienst. „Das Problem ist aber, dass es dann keine Mitarbeiter mehr gibt“, so Vogtländer. Selbstständig zu sein lohne sich nur, wenn ausreichend Mitarbeiter ihren Beitrag leisten, sonst bleibe man auf den Fixkosten sitzen. Solche Praxen werden wegen der geringen Erträge auch „Hobbypraxen“ genannt – und das ist kein Scherz.

„Alle Praxen in Bergkamen suchen Mitarbeiter“, sagt der Bergkamener Physiotherapeut Christoph Knopp. Junge Physiotherapeuten zöge es in die größere Praxen in großen Städten. Praxisinhaber Knopp hat viel versucht, um das Interesse des Nachwuchses zu wecken – bietet viel Gehalt und kostenlose Fortbildungen. Und noch immer sucht er händeringend Mitarbeiter.

Die Patienten leiden: Physiotherapie-Praxen in Bergkamen suchen händeringend Nachwuchs

Nicht alle Praxen verdienen genug, um die Fixkosten zu decken. © picture alliance / Armin Weigel/


Volle Bücher, keine Hausbesuche – und der Patient leidet

Knopp ist einer der wenigen Physiotherapeuten, die noch Hausbesuche anbieten – obwohl die Krankenkassen dafür eigentlich zu wenig bezahlen würden. Wer einen Termin für einen Hausbesuch vereinbart, muss sich gedulden und bis Juli warten. Auch Andreas Zinke bietet seit Jahren Hausbesuche an – mittlerweile aber nur noch für Leute, die jahrelang Patienten sind. Für mehr reichen die Kapazitäten einfach nicht aus. „Und der Patient leidet darunter.“ Dass sich alle Praxen um neue Mitarbeiter bemühen, sagt auch Zinke: „Wir sitzen alle in einem Boot.“ Toll sei aber, dass das Land NRW mittlerweile einen Großteil der Ausbildungskosten übernimmt. Das freut auch die ganzheitliche Physiotherapieschule in Bergkamen, denn die Zahl der Schüler steigt allmählich an. Zinke ist indes besorgt, dass bei mehr Therapeuten und steigenden Umsätzen die Krankenkassen, die das Ganze finanzieren, nicht mehr mitspielen und den Ärzten Druck machen. Wenn diese dann weniger Behandlungen verschreiben, ist den Physiotherapeuten nicht geholfen.

Die Patienten leiden: Physiotherapie-Praxen in Bergkamen suchen händeringend Nachwuchs

Den ausgebildeten Physiotherapeuten bietet sich ein breites Tätigkeitsfeld. © pa/obs/MEDIAN Kliniken


Bedarf an Physiotherapeuten steigt

Eine Bedarfsplanung wie bei Ärzten gibt es für Physiotherapeuten laut Thorsten Vogtländer nicht. Der Bedarf an Physiotherapiepraxen steige jedoch – was auch die vollen Terminbücher der Praxen in Bergkamen zeigen. Grund sind der Demografische Wandel und bessere Diagnosemöglichkeiten. „Viele Patienten, die beispielsweise unter Multipler Sklerose leiden, wurden früher nicht als solche erkannt und bekamen deshalb auch keine dringend notwendige Therapie verordnet. Das hat sich zum Glück inzwischen geändert“, sagt Tanja Schäfer, Pressesprecherin des Deutschen Verbandes für Physiotherapie.

20 Minuten maximal: Viel Zeit zum Reden haben Physiotherapeuten nicht

Mario Stüvers Arbeitsalltag wird vermutlich stressig aussehen – doch auch darauf ist er eingestellt. „Praxen sind Wirtschaftsunternehmen“, sagt der angehende Physiotherapeut. Die Krankenkassen erstatten je nach Verordnung nur eine Behandlung von in der Regel 15 bis 20 Minuten. In dieser Zeit wird mit dem Patienten gesprochen, ein Befund erstellt, behandelt und dann protokolliert. „Es wäre schöner, mehr Zeit für die Patienten zu haben.

Die Patienten leiden: Physiotherapie-Praxen in Bergkamen suchen händeringend Nachwuchs

Mario Stüver wird Physiotherapeut sein. Der Kontakt zu Menschen und Spaß bei der Arbeit sind ihm wichtiger als Geld. © Pott

Manche haben das Bedürfnis, viel zu erzählen“, sagt Stüver. Wie viel Zeit ein Patient hat, entscheidet der verschreibende Arzt. Möchte der Patient eigenständig länger behandelt werden, könne er entweder den Arzt bitten, ein Privatrezept auszustellen oder sich an einen Physiotherapeuten mit der Zusatzqualifikation Sektoraler Heilpraktiker wenden, so Tanja Schäfer vom Deutschen Verband für Physiotherapie. Sektorale Heilpraktiker könnten, ebenso wie die klassischen Heilpraktiker, Patienten direkt und ohne Hinzuziehung des Arztes behandeln.

Physiotherapie


Eine Ausbildung, viele Möglichkeiten

Die Möglichkeiten für Physiotherapeuten sind vielfältig. Nach der Ausbildung können sie in Praxen arbeiten, in Krankenhäusern oder Kureinrichtungen. „Man kann auch als Masseur auf der Aida arbeiten“, verrät der angehende Physiotherapeut Mario Stüver. Dafür werde man kein Physiotherapeut, aber möglich sei es, denn man lerne an der Schule auch, zu massieren.
Die Ausbildung dauert drei Jahre und wird mit einem Staatsexamen abgeschlossen. Im ersten Jahr steht Theorieunterricht auf dem Plan, im zweiten und dritten Jahr Theorie und Praktikum im Wechsel. Den halben Tag verbringen die Schüler in der Praxis, die andere Hälfte des Tages in der Schule. So können Probleme oder Fragen, die im Arbeitsalltag aufkommen gleich in der Klasse besprochen werden, erklärt Prokuristin Altrud Kremer. Nach drei Jahren steht das Examen an.
Weitere Informationen zu der Pysiotherapieschule in Bergkamen gibt es auf der Internetseite www.gps-bergkamen.de.

Es tut sich was: Politik hat Problem erkannt

Wenig Verdienst, stressige Tage und zu wenig Mitarbeiter: Dass die Physiotherapeuten noch nicht auf die Barrikaden gegangen sind, dürfte verwundern. „Der Berufszweig ist eher im Hintergrund, weil berechtigterweise die Pflegeberufe im Vordergrund sind. Wir verdienen aber noch weniger als die Pflegekräfte“, sagt Physiotherapeut Andreas Zinke.

Doch es gibt Hoffnung für die Physiotherapeuten in Bergkamen und in ganz Deutschland. „Die Politik hat die Problematik erkannt“, sagt Thorsten Vogtländer. Es gebe Verhandlungen auf Bundesebene – zum Beispiel, was die Vergütung von Physiotherapeuten betrifft. Andreas Zinke lobt indes, dass die Verbände mittlerweile an einem Strang ziehen.

Auch sollen einheitliche Preise für Leistungen auf Bundesebene gezahlt werden. Wenn also alles gut geht, warten auf angehenden Physiotherapeuten Mario Stüver nicht nur dankbare Patienten, sondern auch angenehmere Arbeitsbedingungen.

PHYSIOTHERAPIEPRAXEN IN BERGKAMEN

  • Aktimed Physiotherapie, Zentrumstr. 22, Tel. (0 23 07) 6 95 52
  • Stencel Krankengymnastik, Hochstr. 37, Tel. (0 23 07) 8 05 05
  • Skubich Silvia Krankengymnastik, Tel. (0 23 07) 96 73 73
  • Schumpich, Haferkamp Schroeders Gemeinschaftspraxis, Tel. (0 23 07) 8 55 58
  • Physiotherapie Christoph Knopp, Töddinghauser Str. 150, Tel. (0 23 07) 26 06 206
  • A-Z Physiotherapie Andreas Zinke, Werner Str. 150, Tel. (0 23 07) 24 20 39
  • steha med - Zentrum für Physiotherapie, Im Sundern 16, Tel. (0 23 06) 94 40 30
  • Praxis für Physiotherapie Frank von Voss, Präsidentenstr. 24, Tel. (0 23 07) 8 48 40
  • Praxis für Physiotherapie Böhm, Jahnstr. 90, Tel. (0 23 06) 8 09 09
  • Physiotherapie Janssen, Rünther Str. 54, Tel. Tel. (0 23 89) 40 30 410
  • Physiotherapie im Prisma, Geschwister-Scholl-Str. 4, Tel. (0 23 07) 66 31 504
  • Christoph Triebler, Präsidentenstraße 40a, Tel. (0 23 07) 86 315

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