Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

BVB-Trainer Lucien Favre macht seine Mannschaft fit für die Rückrunde. Von seiner Arbeitsweise und seinem Credo weicht er auch in Marbella nicht ab. Beobachtungen aus dem Trainingslager.

Dortmund

, 14.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Der Platzwart verstand nur Spanisch. Es brauchte Hände und Füße, um ihm die Botschaft verständlich zu machen. Ein Schulterzucken und ein Kopfschütteln später dämmerte es dem guten Mann. Die auf und ab zappelnden Finger sollten den Regen darstellen, den es eben nicht gegeben hatte. Er sollte bitte den Platz wässern, jaja. Lucien Favre und der gute Grünpfleger schüttelten sich vor Lachen, als sie sich endlich verständigt hatten. Dann spannte Dortmunds Trainer die Schultern an und maß mit stechendem Schritt die Begrenzungen für die nächste Übung ab. Sein Augenmaß trog ihn nicht, das gelbe Hütchen musste nach seiner Vorstellung zehn Zentimeter zurück. Eine kleine Korrektur, Favre nickte wieder zufrieden. In seinem auf Perfektion getrimmten Fußballerhirn stimmte jetzt alles. Der BVB konnte die Arbeit aufnehmen im Trainingslager im spanischen Marbella.

Vertrauensvolle Zusammenarbeit

Den Zufall als einen unkalkulierbar launigen Gesellen schätzt der 61-jährige Cheftrainer nicht besonders. Mit Schweizer Präzision hat er seine Aufgabe bei Borussia Dortmund im vergangenen Sommer aufgenommen. „Er ist extrem motiviert, an vielen kleinen Punkten zu arbeiten - und zwar nicht nur mit der Zielsetzung, Spiele zu gewinnen, sondern auch jeden einzelnen Spieler zu verbessern, mit ihm an Kleinigkeiten zu arbeiten“, erklärt Sportdirektor Michael Zorc. Das Ganze ergebe dann in der Summe oft guten Fußball. Darüber hinaus sei die Zusammenarbeit „ausgesprochen vertrauensvoll und gut“.

„Er ist extrem motiviert, an vielen kleinen Punkten zu arbeiten.“
Michael Zorc über Lucien Favre

Von den bisher gezeitigten Erfolgen mit Platz eins in der Bundesliga, dem Gruppensieg in der Champions League und dem Überwintern im DFB-Pokal, von den euphorischen Lobeshymnen, die vor allem im Herbst auf den BVB niederprasselten, will und wird sich Favre nicht beirren lassen, keine Chance. „Favorit?“ fragt er ungläubig zurück und hebt die Augenbrauen, als sei der Reporter, der ihn nach den Dortmunder Meisterschaftschancen befragte, ein Schalk, der ihn übertölpeln wolle. „Nein, wir sind nicht Favorit.“ Es gehe sehr eng zu in der Bundesliga, über Sieg oder Niederlage entschieden manchmal Details. Favre ist im positiven Sinne besessen davon, dass ihm keines dieser Teilstücke entgeht, das würde er sich nicht leicht verzeihen.

Vorerst zufrieden

Auf dem von Palmen umsäumten Trainingsplatz auf dem Golfareal „La Dama de Noche“ in Andalusien zog sich Favre oft zurück. In den ersten Übungseinheiten 2019 übernahmen seine Co-Trainer Manfred Stefes und Edin Terzic wiederholt das Kommando. Der manchmal unscheinbare Chef wurde als einer von vielen in Schwarz und Gelb bekleideten Sportlern auf dem Platz mit seiner tief ins Gesicht gezogenen Schirmmütze noch unscheinbarer. Wo ist Favre? Ah, da! Der „Monsieur“ beobachtete jede Aktion aufmerksam, auch wenn es nur simple Passübungen durchzuführen galt. Hätte sich einer getraut, dem Schlendrian Raum zu geben, wäre er sofort eingeschritten. Aber seine Mannschaft ist konzentriert, motiviert, diszipliniert. „Wir hatten ein sehr, sehr gutes Trainingslager“, lautete sein Fazit. Favre ist zufrieden, auch das gibt es. Also: vorerst zufrieden.

Die Dinge könnten wahrlich schwieriger liegen als zurzeit. Doch Favre lässt sich vom Status quo nicht zur Muße locken. Er beharrt darauf, nicht auf den Sieg zu schauen, sondern erneut den Weg einzuschlagen, der dorthin geführt hat. Nicht selten ist seine wiederkehrende Einlassung, es gebe noch viel zu tun und er müsse noch viel mit der Mannschaft arbeiten, von Außenstehenden belächelt worden in den zurückliegenden Monaten. Wer das tut, unterschätzt Favre. In der professionellen, immer am Idealzustand orientierten Fleißarbeit mit den Spielern findet sich am ehesten das Geheimnis des Erfolges von Borussia Dortmund 2018/19, so es denn eines gibt.

Reife und jugendlicher Drang

Noch nie fand der frühere Trainer von Hertha BSC, Gladbach oder Nizza ein so großes Potenzial in seiner Mannschaft vor. Da kicken Weltklasse-Spieler wie Axel Witsel und Marco Reus mit internationalen Top-Talenten wie Jadon Sancho und Achraf Hakimi. Seine Truppe beherbergt Routine und Reife ebenso wie jugendlichen Drang und Draufgängertum. Der schwarzgelbe Kader birgt ein Füllhorn an Möglichkeiten. All diese Parameter machen den BVB stark, zusammen mit dem Hunger auf Triumphe und Titel, von denen Akteure wie Favre, Reus oder Witsel bislang zu wenig eingesammelt haben gemessen an ihrem Können. Seine eigene Herangehensweise hat Favre in den vergangenen 20 Jahren im Profifußball überprüft, justiert, verfeinert.

Jetzt lesen

Es verwundert mittlerweile niemanden mehr, warum Sportdirektor Michael Zorc schon lange von Favre schwärmt und die BVB-Bosse ausgerechnet ihm den unvermeidlichen Neustart zutrauten. Dem als kauzig geltenden Coach schlugen natürlich auch (Vor-)Urteile und Skepsis entgegen. „Natürlich arbeitet er etwas spezieller als der eine oder andere seiner Vorgänger. Aber das macht es auch aus“, relativiert Zorc. Nicht die Gemeinsamkeiten wiegen am schwersten, sondern die gemeinsamen Ziele. Die Borussen sind eine fokussierte Familie in den ersten Arbeitstagen in diesem Jahr.

Keine Kompromisse

Als im Trainingslager die Übungen komplexer und aus dem Kader zwei Mannschaften gebildet wurden, die Spielverlagerungen und das Verschieben einstudierten, den von Kurzpässen gekennzeichneten Spielaufbau, mischte sich Favre in Marbella vermehrt ein. „Zwei Kontakte, schnell spielen, vorbereiten, dann nach vorne“, rief er seinen Spielern zu, die die gestellten Aufgaben sehr diszipliniert umsetzten. „Sehr, sehr, sehr gut“, lobte der Schweizer Trainer manches Mal.

BVB-Trainer Lucien Favre arbeitet speziell - und beharrlich

Macht keine Kompromisse: Lucien Favre. © Inderlied/Kirchner

Bestimmt hat er noch Defizite gesehen in den Testspielen, beispielsweise im Defensivverhalten wie der Konterabsicherung, bestimmt hat er noch weitere Ideen im Kopf, wie er den erfolgreichen Weg der Hinserie noch verfestigen kann. Keine Kompromisse macht er bei seinem Credo, wie er auch bei der Frage nach den Schwerpunkten in der letzten Trainingswoche wiederholte. „Wir werden enorm viel mit dem Ball arbeiten in der Woche vor dem Spiel. In Marbella haben wir viel auf engen Räumen trainieren lassen. Jetzt werden die Distanzen größer werden, das geht peu a peu.“

Lesen Sie jetzt