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Nach zähen Verhandlungen macht der BVB den Transfer von Axel Witsel perfekt. Der Belgier geht in seiner Karriere schon früh eigene Wege. Ein Foul verändert sein Leben.

Bad Ragaz

, 06.08.2018 / Lesedauer: 5 min

Kontakt zu Borussia Dortmund hatte Axel Witsel schon einmal im Frühjahr 2014. Das war im Achtelfinale der Champions League, als der BVB nach Russland reiste. Die Auslosung nach der Gruppenphase hatte der Borussia das Los Zenit St. Petersburg beschert, eine reizvolle wie machbare Aufgabe. Auch wenn die Russen ja den „Hulk“ in ihren Reihen hatten.

Hulk im Mittelpunkt, keine Rede von Witsel

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Givanildo Vieira de Souza, wie der bullige Brasilianer mit bürgerlichem Namen heißt, war ein großes Medien-Thema vor den beiden K.o.-Spielen. Nur 1,80 Meter groß, aber ein Kraftpaket mit unbändigem Durchsetzungswillen. Diesen Spieler galt es zu stoppen. Von Axel Witsel hingegen war kaum die Rede vor den Duellen mit Zenit. Witsels Karriere hatte merkwürdige Wege genommen, das war schon damals unübersehbar.

Axel Witsel ging in seiner Karriere schon früh eigene Wege

Im Februar 2014 traf Witsel in der Champions League mit Zenit St. Petersburg auf den BVB. © dpa

25 Jahre alt ist er erst, als er mit Zenit St. Petersburg auf den BVB trifft, für die Russen spielt er aber schon seit 2012. Da war er gerade 23. Vier Jahre zuvor, mit 19, wird er zu Belgiens „Fußballer des Jahres“ gewählt, mit seinem Heimatklub Standard Lüttich wird er in den Jahren 2008 und 2009 belgischer Meister. Witsel gilt in dieser Zeit als Hoffnungsträger des belgischen Fußballs, als neues Idol. Er könnte der Anführer einer neuen goldenen Generation werden. Doch dann kommt der Tag, der vieles verändert. Den Menschen Axel Witsel, den Fußballer. Und vor allem die Art, wie man ihn in Belgien wahrnimmt.

Buhmann einer ganzen Nation

Es ist der 30. August 2009, als Witsel mit Lüttich auf RSC Anderlecht trifft. Man kann die Szene bei YouTube heute noch finden, als Witsel mit gestrecktem Bein in den Zweikampf mit Marcin Wasilewski geht. Die Heftigkeit der Attacke ist erst in der Wiederholung so richtig zu sehen, auch im Original-Kommentar zucken die Kommentatoren beim Betrachten der verlangsamten Bilder hörbar zusammen. Für Wasilewski endet die Partie in dieser Szene mit einem Schien- und Wadenbeinbruch. Witsel, bis dahin gar nicht bekannt für unfaire Attacken, sieht Rot - und in den kommenden Wochen wird er zum Buhmann einer ganzen Nation.

Axel Witsel ging in seiner Karriere schon früh eigene Wege

Nach seinem brutalen Foul an Marcin Wasilewski wurde Witsel für acht Liga-Partien gesperrt. © imago

„Witsel verlor mit diesem Foul sein Ansehen und seine Klasse“, urteilt „Het Laatste Nieuws“. Eine andere Zeitung, „Belang van Limburg“, nennt das Foul einen „Anschlag, der ganz Belgien schockt.“ Witsel steht urplötzlich am Pranger, er erhält sogar Morddrohungen, das Haus seiner Familie wird unter Polizeischutz gestellt. Sponsoren, die mit seinem Gesicht und seiner Person Werbung machen wollten, wenden sich ab.

„Manche warfen sogar Steine durch unsere Fenster“

Witsel wird für acht Spiele gesperrt. Der englische „Guardian“ führt Jahre später ein Interview mit Witsels Vater. Er sagt dort: „Die Leute beleidigten ihn, manche warfen sogar Steine durch unsere Fenster.“ Der Vorfall, sagt der Franzose mit Vorfahren auf der Karibikinsel Martinique, habe seinen Sohn verändert. „Es gibt einen Axel vor diesem Foul und einen danach. Er wurde verschlossener. Man konnte es ihm ansehen, dass der ganze Sturm um ihn herum ihn berührte.“ Schließlich, so Witsels Vater weiter, habe sich sein Sohn ein dickes Fell zugelegt: „Ihn konnte nichts mehr erschüttern. Er wurde mental sehr stark.“

Axel Witsel ging in seiner Karriere schon früh eigene Wege

Lediglich eine Saison trug Witsel das Trikot von Benfica Lissabon. © imago

Das erklärt vielleicht auch, warum Axel Witsel trotz der öffentlichen Demütigungen noch zwei Jahre in Belgien blieb und bei Standard weiterspielte. Erst 2011 wechselte er zu Benfica Lissabon. Dort traf er auf Jorge Jesus, der ihn, den offensiven Mittelfeldspieler, den Strategen, zum Lenker in der defensiven Schaltzentrale machte. Witsel gefiel in der neuen Rolle. So sehr, dass er nur ein Jahr in Portugal blieb. 40 Millionen Euro ließen Lissabon weich werden, so viel Geld war Zenit St. Petersburg dieser Spieler mit dem Afro-Look im Sommer 2012 wert.

„Es war eine sehr schwere Entscheidung“

Natürlich waren die Qualitäten des Belgiers nicht nur den Russen aufgefallen. Mehrere englische Klubs sollen ebenfalls interessiert gewesen sein. Schnell gerät Witsel in eine Schublade: Es ist bekannt, dass man in Russland gut verdienen kann. Er folge dem großen Geld, statt die sportliche Herausforderung zu suchen, heißt es über Axel Witsel. Ein Klischee, das er auch bedient, als er im Januar 2017, kurz vor seinem 28. Geburtstag, nach China wechselt.

Axel Witsel ging in seiner Karriere schon früh eigene Wege

Bei Tianjin Quanjian verdeinte Witsel zuletzt rund 18 Millionen Euro pro Jahr. © imago

Damals war eigentlich ein Wechsel zu Juventus Turin ausgemachte Sache. Im Sommer zuvor war dieser Transfer gescheitert, als Witsel schon in Turin in einem Hotel saß und auf den Medizincheck wartete. Fehlende Unterlagen aus St. Petersburg ließen den Wechsel platzen, und im Januar schaute Juve dann komplett in die Röhre. „Auf der einen Seite ein Top-Klub wie Juventus, auf der anderen Seite ein Angebot, das ich für meine Familie nicht ablehnen konnte“, wurde Witsel damals zitiert, als sein Wechsel zum chinesischen Erstligisten Tianjin Quanjian bekannt geworden war. „Es war eine sehr schwere Entscheidung“, sagt er. Denn es ging um viel Geld: Kolportierte 18 Millionen Euro soll Witsel in China verdient haben. Jährlich.

Zusatzschichten zahlen sich aus

Jetzt, mit 29, ist sein erster Wechsel in eine europäische Top-Liga perfekt. Die sportliche Herausforderung hat sicher eine Rolle gespielt. In China, gab Axel Witsel mal zu Protokoll, habe er neben dem normalen Training einen Privattrainer engagiert, um durch zusätzliche Einheiten sein Niveau zu halten. Das Paradies für Fußballer im reifen Alter bot sportlich nicht genügend Herausforderungen für einen Profi, der noch voll im Saft steht.

Axel Witsel ging in seiner Karriere schon früh eigene Wege

Witsel war der Kopf der belgischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft in Russland. © dpa

Die Zusatzschichten haben sich ausgezahlt. Witsel war der Kopf der Belgier bei der WM in Russland, er war der Spieler, der den Genies wie Kevin De Bruyne oder Eden Hazard den Rücken freihielt. Während sie im Rampenlicht standen, leistete er die dafür unabdingbare Arbeit.

Eine gewichtige Rolle bei seinem Wechsel zu Borussia Dortmund spielte neben der Perspektive auf ausverkaufte Stadien, Champions League und einer tragenden Rolle in einem der Top-Klubs in Deutschland allerdings auch die Nähe zur Familie. Von Lüttich aus ist man in relativ kurzer Zeit in Dortmund. Witsel, der Familienmensch, wollte auch zurück nach Hause, in die Nähe seiner Frau und Kinder. Dafür verzichtet Axel Witsel auch auf viel Geld.

Entscheidendes Puzzlestück

In ihm bekommt die Borussia einen Spieler, der ein entscheidendes Puzzlestück sein kann auf dem Weg zurück zu sportlicher Dominanz und interner Geschlossenheit. Witsel bringt nichts mehr aus der Ruhe, er löst beinahe jede Situation auch in Bedrängnis spielerisch, er ist robust und hat eine außergewöhnliche Übersicht. Und er ist ein großer Name im europäischen Fußball. Er flößt Respekt ein.

96 Länderspiele hat Axel Witsel bestritten, im Januar wird er 30 Jahre alt. Eigentlich ein Wunder, dass der Belgier erst jetzt in einer der Top-Ligen auftaucht. Aber Axel Witsel ging schon früh seine eigenen Wege.

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