Herr Martin, stören wir gerade beim Training?
Nein, keine Sorge, das intensive Training ist seit Tagen abgeschlossen. Zuletzt habe ich einfach die Beine ein wenig hängen lassen und bin zwei Stunden am Tag geradelt, einfach den Kreislauf in Schwung bringen.
Das klingt ja reichlich entspannt. Hat der bisherige Saisonverlauf Sie so selbstbewusst gemacht?
Bis auf ein paar Ausnahmen bin ich in der Tat durchweg zufrieden mit der Saison. Bisheriger Höhepunkt war sicher der Erfolg im Einzelzeitfahren bei der Tour de France, ich habe das Einzelzeitfahren bei der Vuelta gewonnen, habe die Rundfahrt Paris - Nizza als Gesamtsieger beendet. Das ist schon richtig gut gelaufen.
Bei der Tour de France sind Sie in den Bergen aber deutlich abgehängt worden...
Ja, da gibt es auch nichts zu beschönigen, das war schon eine große Enttäuschung. Das erklärte Ziel war ein Platz unter den Top 10, davon war ich mit Rang 44 in der Gesamtwertung weit entfernt. Aber ich war zu mehr eben nicht in der Lage.
Haben Sie es analysiert?
Versucht, ja, aber noch herrscht ein gewisses Rätselraten. Vielleicht habe ich mir zu viel Druck gemacht, vielleicht brauche ich in den entscheidenden Momenten auch mehr Selbstsicherheit, vielleicht bin ich auch körperlich noch nicht da, wo ich sein möchte. Aber der Sieg im Einzelzeitfahren bei der Tour war natürlich schon ein großer Trost, und er war auch Schadensbegrenzung.
Und jetzt sind Sie der große Favorit für den WM-Titel im Zeitfahren in Kopenhagen?
Ja, nach dieser Saison bin ich der Top-Favorit auf den Sieg. Und ich rede auch nicht drumherum: Ich will Weltmeister werden, es wäre Unsinn, etwas anderes zu sagen. Schon Platz 2 oder 3 wären eine Enttäuschung. Noch mal: Jetzt fehlt einfach der WM-Titel, jetzt will ich ihn holen.
Sind Sie nach dieser Saison endgültig in der Weltelite angekommen?
Ich meine, das darf ich guten Gewissens behaupten. Ich habe eigentlich jedes Zeitfahren gewonnen, das spricht für Konstanz, und auch meine erste Rundfahrt. Das ist schon in Ordnung so.
Das Zeitfahren ist bei der WM nicht alles, es geht auch „normal“ auf die Straße...
Ich bin überzeugt davon, wir haben auch im Straßenrennen eine sehr starke Mann-schaft. Es ist eher ein Sprinterkurs, und da sind wir mit Greipel, Kittel und Degenkolb wirklich gut aufgestellt. Wenn wir es schaffen, im Finale noch die richtige Endschnelligkeit zu ha-ben, dann ist manches möglich.
John Degenkolb, Marcel Kittel und Sie kommen alle aus Thüringen, Zufall?
Nein, wir haben eine ge-meinsame Vergangenheit, das ist das Thüringen Ener-gie-Team, das ist Erfurt. Dort wurde glänzende Aufbauar-beit geleistet, wir wurden auf einer gesunden Basis an das Profileben herangeführt. Das sind Faktoren, die uns Sicherheit geben, wir sind noch nicht verbraucht.
Sie selbst starten künftig für das Team Quick Step?
Ja, mein altes Team HTC Highroad hat für die nächste Saison keinen Sponsor mehr gehabt. Schade, ich habe mich dort sehr wohlgefühlt. Aber ich war in der beneidenswerten Lage, mir mein neues Team aussuchen zu können. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass Quick Step die richtige Wahl ist. Da stimmen die Rahmenbedingungen.
Erklären Sie uns noch zum Abschluss, warum die Tour in diesem Jahr ohne Skandale auskam. Ist der Radsport sauberer geworden?
Ja, ich bin überzeugt, er ist sauberer geworden. Ein Großteil der schwarzen Schafe ist erwischt worden. Die positiven Tests haben vielen vor Augen geführt, dass sie als Sünder nicht ungestraft davonkommen. Das ist gut so.
"Ich bin der Top-Favorit"In Kopenhagen winkt die Krönung: Tony Martin will sich beim Zeitfahren am Mittwoch zum Weltmeister machen. Und damit ein Ausrufezeichen hinter eine starke Saison setzen. Im Interview mit dieser Zeitung spricht der Radprofi über Druck, Konkurrenz und schwarze Schafe.
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