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| Joachim Löw umarmt den Torschützen zum 1:0 Lukas Podolski (l.) nach dem Spiel. |
Nach einer kurzen Nacht mit wenig Schlaf ordnete der Bundestrainer die 4:0-Gala gegen morsche Australier als «erleichternd», aber noch keineswegs titelverdächtig ein. «Es gibt stärkere Gegner bei dieser WM», warnte Löw vor dem zweiten Kontrahenten Serbien: «Jetzt treffen wir auf einen Gegner, der sehr angeschlagen ist nach dem 0:1 gegen Ghana, aber deshalb auch sehr gefährlich ist. Wir müssen höllisch aufpassen.»
Auch die wenigen erfahrenen Spieler in Deutschlands «Boy-Group» verloren nicht die Bodenhaftung. «Die Mannschaft hat die Fähigkeit, jetzt nicht auszurasten», versicherte Abwehrrecke Per Mertesacker. «Die Favoritenrolle ist immer noch bei anderen», erklärte Kapitän Philipp Lahm. «Australien hat es uns insgesamt relativ leicht gemacht», relativierte Arne Friedrich. Die Abwehr wurde von den «Soccerooos» nicht auf ihre Tauglichkeit getestet, und nach der Roten Karte für Tim Cahill (56.) hatte man noch leichteres Spiel.
Man müsse «die Kirche im Dorf lassen», verordnete WM-Spezialist Miroslav Klose: «Wir haben fast noch nichts erreicht.» Noch auf dem Spielfeld in Durban hatten der neue Mittelfeldchef Bastian Schweinsteiger und Löw im kurzen Gespräch die Marschroute festgelegt. «Für uns gibt es jetzt nur ein Ziel: So schnell wie möglich das Achtelfinale zu erreichen», verkündete Schweinsteiger.
Die Träume dürfen die jungen, unbekümmerten Spieler formulieren. «Wir wollen Weltmeister werden, dafür sind wir hier», sagte der 21 Jahre junge Özil, den die Kommentatoren in aller Welt als Fixstern am Fußball-Horizont entdeckten. «Die Deutschen überrollen alle, mit Özil als Drehscheibe, der nach allen Seiten Raketen abschießt», lobte die französische «Libération». «Es ist ein ganz hohes Niveau, mit welcher Leichtigkeit Mesut tödliche Bälle spielt», lobte Löw. Deutschlands Jahrhundert-Fußballer Franz Beckenbauer geriet auch ins Schwärmen: «Einzigartig» nannte der «Kaiser» den türkisch-stämmigen Bremer.
Mit Typen wie Özil und Senkrechtstarter Thomas Müller, den pünktlich zum Turnierstart zündenden Löw-Lieblingen Klose und Podolski sowie einem Offensiv-Potenzial ungeahnten Ausmaßes hat der Bundestrainer in einem Monat Vorbereitung ein Team geschaffen, das Fußball zelebrieren und nicht mehr nur «rennen und kämpfen» kann. Ohne den verletzten Kapitän Michael Ballack habe er neue Lösungen finden müssen, die Aufgaben wurden neu verteilt. «Khedira spielt wie ein junger Michael Ballack», adelte Löw den 23-jährigen Stuttgarter.
Der im Auftaktspiel fünfköpfige Bayern-Block bildet das Rückgrat, was der freche Jungstar Müller mit einer Wortschöpfung kommentierte: «Wir spielen Louis van Löw.» In der Raumaufteilung und dem Kombinationsfußball sei der Vergleich zulässig, stimmte Löw zu.
Deutschland geriet bei der Tor-Show von Podolski (8. Minute), Klose (26.), Müller (68.) und dem eingewechselten Cacau (70.) außer Rand und Band - 27,91 Millionen Menschen sahen die ZDF-Übertragung. «Ich denke, ganz Deutschland ist im Fußball-Fieber. Die Leute sollen sich freuen», meinte Liebling Podolski - das «Sommermärchen II» hat begonnen. «Da identifiziert sich fast ein ganzes Land mit den jungen Spielern», sagte DFB-Präsident Theo Zwanziger stolz, warnte aber auch vor zu hohen Erwartungen: «Das ist Chance und auch Risiko.»
Der Verbandschef flehte geradezu um Löws Ja-Wort für eine Verlängerung des auslaufenden Vertrages. «Ich werde persönlich alles dafür tun», sagte Zwanziger nach einem demonstrativen Handschlag mit Löw. Der Chefcoach dankte für den Vertrauensbeweis - mehr nicht. Die Zukunft sei für ihn «völlig ausgeblendet», das Thema im Team-Hotel tabu: «Wir haben hier einen Auftrag zu erfüllen.»
Nach einem Tag Durchschnaufen gehts konzentriert weiter. Die Konkurrenz ist gewarnt, meinte Torjäger Klose: «Wir haben uns Respekt verschafft.» In Lobeshymnen hob die Weltpresse den dreimaligen Weltmeister mit auf den Favoritenschild: «Das neue Deutschland schickt die Fantasie an die Macht», meinte der italienische «Corriere della Sera» nach dem «bisher besten Fußball bei dieser WM». Das dänische «Ekstra Bladet» schrieb: «Bisher war die deutsche Adelsmarke die Fähigkeit zu Erfolg ohne Schönheit. Was soll nur werden, wenn es jetzt auch noch Spaß macht, den Germanen zuzuschauen?»
Keine Frage, seit dem 4:1-Auftaktsieg beim letzten Titelgewinn 1990 in Italien hat kein deutsches Team in einem WM-Auftaktspiel so aufgetrumpft. «Es hat Spaß gemacht, der Mannschaft zuzuschauen», sagte auch Löw, der am Ende sogar ohne Sakko am Seitenrand mitfieberte. «Natürlich ist man als Trainer zufrieden, wenn man so ein Spiel gewinnt», sagte er zum umgesetzten Konzept-Fußball à la Löw.
Podolski «explodierte» wie von ihm angekündigt, Klose zog mit WM-Treffer Nummer 11 nicht nur mit Jürgen Klinsmann auf Platz zwei der ewigen deutschen Bestenliste hinter Gerd Müller (14) gleich. «Ich zweifel nie an mir. Eine große Stärke von mir ist, mich auf den Punkt fit zu bringen», sagte der 32-Jährige nach seiner Wiederauferstehung.
Pokerface Löw hält derweil die Spannung hoch. Seine WM-Elf habe er in Durban nicht gefunden. «Nein, jetzt tue ich mich noch schwerer», behauptete er wegen der «unglaublichen Möglichkeiten» nach im Offensivbereich: «Wir haben Spieler wie Cacau, Marin, Gomez, Trochowski, die einem Spiel auch einen besonderen Kick geben können.»


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