Kinder lernen kein Platt
Zum Auftakt gibt es Plattdeutsches von Augustin Wibbelt, seinem Idol und väterlichen Freund aus Jugendtagen. Aber damit ist die Mundart, früher Scheppers Steckenpferd, auch abgehakt. Er bleibt bei seiner Meinung, dass das Plattdeutsche keine Zukunft hat und vom Publikum kaum noch verstanden wird. „Die Eltern sprechen nicht mehr Plattdeutsch mit ihren Kindern, wenn sie es denn selbst überhaupt noch beherrschen. Sie denken, die Kinder kämen dann in der Schule nicht mehr klar. Was für ein Irrtum! Zweisprachigkeit ist doch ein Vorteil.“
Im Westmünsterland sei die Lage noch etwas besser, im Kernmünsterland ganz deprimierend. Volkshochschulkurse oder Kulturveranstaltungen zum Thema seien nur noch Herumdoktern auf der Intensivstation.
Aber warum ist das so? In anderen Regionen Deutschlands, vor allem im Süden, werden Dialekte ganz selbstverständlich von allen gesprochen. „Das liegt an den Preußen“, sagt Rainer Schepper. Seit Gründung der preußischen Provinz Westfalen 1815 sei das Niederdeutsche mit Gewalt aus den Schulen verdrängt worden. Plattdeutsch sprechende Bauern habe man in Bühnenstücken verulkt. Schon im 19. Jahrhundert sei die Mundart dadurch geschwächt worden. „Und nicht nur die Sprache, eine ganze Kulturwelt mit ihrem natur- und volksnahen Denken verschwindet“, klagt der Rezitator.
Zum Glück gibt es in seiner Lesereihe Erbauliches auf Hochdeutsch zum Troste. Geburts- und Gedenktage haben in diesem Jahr die Auswahl der Autoren bestimmt. Philosoph Friedrich Nietzsche, Bewunderer des Starken und Gefährlichen, hätte mit schwächelnden Dialekten vermutlich wenig Mitleid gehabt. Zu seinem 110. Todestag liest Schepper prägnante Texte über Freunde, Einsamkeit und „Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“ (12. Dezember).
Blutige Verlobung
Heiterer werden die Münchhausen-Geschichten von Karl-Lebrecht Immermann (14. November), blutig und hochdramatisch Kleists Novelle „Die Verlobung in St. Domingo“ über eine Liebesgeschichte zwischen Schwarz und Weiß in Haiti (10. April).
Oft war es nicht leicht, passende Texte der Jubilare zu finden. Bei Arthur Schopenhauer, dessen Todestag sich zum 150. Mal jährt, fand Schepper in seiner Bibliothek ein winziges Büchlein mit dem Titel „Über die Weiber – Psychologische Bemerkungen“. Die Passagen über die Weiber könnten das Publikum allzu sehr aufregen, findet der Rezitator, aber es bleibt auch so genug Bissiges übrig.
„Harte Sachen sind da drin“, sagt Schepper. Schopenhauer nennt das gesellschaftliche Leben ein „Komödienspiel für Plattköpfe“, mäkelt an der Kleidung des 19. Jahrhunderts herum („Monstrum“, „Schandfleck“), vergleicht das menschliche Wesen mit dem der Tiere. Und er schreibt: „Jede Trennung gibt einen Vorgeschmack des Todes.“ Von Rainer Schepper muss das Publikum sich nicht trennen: Die Tür bleibt offen.
- Alle Lesungen beginnen sonntags um 20 Uhr im Kaminzimmer des Krameramtshauses. Eintritt 10 (ermäßigt 5) Euro, Reservierung unter Telefon (02 51) 2 30 21 94.
- 12. September 2010: Texte von Augustin Wibbelt
- 10. Oktober: Gottfried Keller: Der Schmied seines Glücks
- 14. November: Karl-Lebrecht Immermann: Münchhausen, Kapitel eins bis sechs
- 12. Dezember: Friedrich Nietzsche: Der Wanderer u.a.
- 9. Januar 2011: Arthur Schopenhauer: Psychologische Bemerkungen
- 13. Februar: Wilhelm Raabe: Else von der Tanne
- 13. März: Gotthold Ephraim Lessing: Ernst und Falk – Gespräche für Freimäurer
- 10. April: Heinrich von Kleist: Die Verlobung in St. Domingo
- 17. April: Rainer Schepper: Das Zweite Gesicht in Volksglaube, Dichtung und Forschung
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| Rainer Schepper präsentiert ein Foto, das ihn 1944 als Jugendlichen im Garten mit dem Dichter Augustin Wibbelt zeigt. Schepper verehrt den großen Niederdeutsch-Literaten - aber der westfälischen Mundart räumt er kaum noch Chancen ein. |


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